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    MEINE KLINGEL BELÄSTIGT DIE SCHWESTER. Teil 5

    „Ich mache keine Darmspiegelung. Ich habe Angst. Ich bin Hetero. Aber für Sie, das Rohr reingeschoben zu bekommen sollte doch kein Problem sein. Sie sind schwul“.

    Auf der Strasse, wenn es einer zu mir gesagt hätte, würde ich viele Antworten wissen.

    Mein ganzes Leben lang habe ich mich verteidigen müssen und ich habe gelernt wie man sich wehren kann.

    Nur wenn ein Mensch im Bett liegt, angekettet ist und die eine Hand zwei dicke Nadeln in den Venen trägt, fühlt sich dieser Mensch schwach und ausgeliefert.

    Du liegst und Christian Matschke steht. Er ist größer und er ist stärker und wenn er Dir diesen Satz liefert, spürst Du Dich nicht mehr. Du weißt nicht wer Du bist.

    Fast jeden Tag sprechen mich die Menschen an und zeigen mir ihren Respekt oder Bewunderung für meinen Stil und meine Kleidung und einfach meine Art wie ich spreche und wie ich bin.

    Ich musste schon fast sechzig Jahre alt werden, um einen Menschen kennen zu lernen, der mir das Gefühl gibt - ich bin nur ein alter Mann. Ein kranker, schwuler, unbrauchbarer Mann, der nur noch maschinell am Leben erhalten wird.

    Meine Schuhe ziehe ich im Bett nie aus. Ich möchte nicht nur mit Socken im Bett liegen und wenn der Arzt seine Visite macht und schon wieder größer als ich vor mir steht und mich nach meinem Zustand fragt, möchte ich nicht wie ein Opfer im Bett ohne Schuhe vor ihm so schwach erscheinen.

    Christian fragte: „Zieht man die Schuhe im Bett nicht aus?“

    Er schaute mich mit einem hämischen, schadenfrohen und einem verschlagenen Blick an.

    In seinen Augen war ich ein Stück Scheiße. Ich weiß genau wo ich schon längst bei ihm landen würde, wenn sein Nationalismus, seine Macht und Schwulenhass siegen könnte.

    Die Stationsschwester Christina fragte nach: „Das mit dem Rohr hat er nicht gesagt!“.

    „Alles ist Originalton, was ich hier erzähle“.

    „Na ja, Christian hat schon immer einen sehr trockenen Humor gehabt“ – sagte sie und mir war es klar warum sie Christian schützt.

    Christina lebte in ihrer Sicherheit und in ihrer Festung auf der Station wie eine Königin.

    Eigentlich lebte sie wie eine Glucke, die auf ihren Eiern sitzt und jede Minute schaut, ob kein Ei irgendwo runterfällt.

    Wenn ich an sie denke, geht mir ein schöner Satz durch den Kopf und der lautet - das wahre Gesicht eines Menschen lernt man nicht bei der ersten, sondern bei der letzten Begegnung kennen.

    Sicherlich schützte sie Christian.

    „Man kann Christian auswechseln. Eine Schwester von der ersten Etage kann hier kommen, er geht nach unten und dann haben wir alle endlich mal Ruhe“ – schlug ich ihr vor.

    „Nein. Er geht nirgendshin. Ich habe hier auch etwas zu sagen!“.

    Diese Frau kannte ich von Ebbe und Flut Stimmungen. Christina war ihr ganzes Leben mit der Vergangenheit verbunden. Vergangenheit ist für sie viel wichtiger als Gegenwart, weil die Vergangenheit bekannt ist und damit auch sicher. Gegenwärtige Situationen und Konflikte sind ihr fremd.

    Sie ist weder Wasser- noch Landbewohnerin und sie ist eine Wanderin. Sie ist Krebs.

    Den ganzen Tag lief sie quer durch die Etagen und als meine Klingel ertönte, rannte sie wie ein 14-jähriges Mädchen zu der Ärztin mit der Klage, sie fühlte sich belästigt.

    Sie musste sich nicht sorgen, denn sie hatte eine Schwester aus Afghanistan, die alles für Christina erledigte und nie ein Wort gegen sie sagte und dann gab es den Christian, der um sechzehn Uhr ins Haus kam.

    Christina ist eine herrschsüchtige Person und eine besitzergreifende Diktatorin.

    Nie im Leben würde sie Christian verlieren wollen, weil sie Angst hat vor einer Person, die sie überwacht und kontrolliert.

    Außerdem, eine Scheidung ist für sie ein entsetzliches Erlebnis.

    Egal, ob sie mit Christian oder mit ihrem Mann wäre.

    Die Zerstörung des Nests ist für Christina ein Trauma.

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