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    MEIN NACHBAR. TEIL 2

    Ich glaube, es tat mir schließlich sehr leid und ich wäre auch völlig ratlos und mein Tag würde nicht in eine ruhige und gleichmäßige Stimmung gleiten wenn ich auch den Flieger verpasst hätte. Das Flugzeug war weg und egal wer die Verspätung verursacht hat, mein Nachbar konnte nicht einmal ein neues Ticket kaufen, denn an diesem Tag im August flog nur eine Maschine nach Oslo und mein Nachbar stand hilflos in der Halle weil der Check-in Schalter bereits geschlossen war.

    Es fing wieder an zwischen uns. Ich sollte mich schon wieder mit meinem jungen Nachbar beschäftigen.

    Das war die Wirklichkeit. Das war eine Notsituation und es fiel mir nicht schwer, eine Email für ihn zu schreiben. Eine Email, die für mich keine lästige Arbeit war aber für meinen Nachbar eine Hoffnung, von seinen Chefs nicht abgemahnt zu werden und doch noch liebevoll behandelt zu werden. Mein Herz hat nie verlernt, mit solchen Dingen umzugehen und die Hilfe für die Menschen in Not zu leisten.

    In den Monaten von März bis August war ich überhaupt nicht ungeschickt und ich habe meinem Nachbar ein wenig Mut für seine Arbeit gespendet und für ihn eine ganze Bibliothek von Berichten und Emails verfasst, sonst hätte der junge Mann in normalen Zeiten, mit seinen fürchterlich kümmerlichen Englischkenntnissen, nicht lange genug in der Firma leben können und seine Lücken hätte er ohne mich nie auffüllen können.

    Oft arbeitete ich für meinen Nachbar bis vier Uhr morgens und dann lag ich schlaflos im Bett und bedachte alle Möglichkeiten für seine Berichte, die ich für ihn fast jeden Tag für seine internationale Firma verfasst habe.

    Sollte ein Bericht oder eine Email in der englischen Sprache, die ich für ihn geschrieben habe nicht so schillernd und glänzend verfasst werden, wurden nicht nur seine aber auch meine Lebensaussichten viel geringer, denn der Arbeitsvertrag von meinem Nachbar immer noch eine Probezeit beinhalte und ich als renommierter Coach würde in seinen Augen keine Gnade finden.

    Einmal, es muss vier Wochen nach seinem Einzug gewesen sein, sah ich meinen Nachbar fast in der schläfrigen Stille, ganz früh am Morgen, denn er wünschte sich meine Hilfe und wie ich in seinem Anblick gespürt habe, wäre er an diesem Tag ohne fünf Berichten und acht Emails auf Englisch für seine Chefs, nicht über den Berg gekommen.

    Ganz langsam gelang es mir, in alle seine Arbeiten ein System zu bringen, und das erleichterte mir den Tag ein wenig.

    Zwischendurch telefonierte mein Nachbar mit seiner Chefin in Paris und sie klang zufrieden und verwundert über die eigenartige Sprache, die der Junge zu Papier brachte und sie bestaunte jede Seite, aus der jedes Mal ein wahres Schmuckstück entstanden war. 

    Gegen vier Uhr Nachmittag wurde mein Nachbar unruhig und unterbrach meine erledigte Arbeit und bestellte sich ein Taxi zum Friseur.

    Ich bin nicht träge von Natur aus und ich hätte weiter gearbeitet aber das sollte ich gerade nicht tun und was blieb mir übrig, wenn er seine Pläne mit dem Friseur ausführen wollte.

    „Heute Abend können wir zusammen essen. Ich habe so viele Sachen in meiner Gefriertruhe“ – sagte mein Nachbar noch schnell auf der Treppe.

    Über seine Einladung habe ich mich sehr gefreut und ich konnte an diesem Nachmittag nur sehr wenig unternehmen und eigentlich wartete ich ungeduldig am Abend auf meinen Nachbar, denn was hätte ich in der Ruhe anderes getan als gegrübelt und mich auf das Essen mit ihm gefreut. Nach fast sechs Stunden Aufgaben träumte ich schon davon, wie ich friedlich, zusammen mit diesem Mann, an seinem Tisch sitzen und reden würde.

    Die folgenden Stunden waren nicht reinstes Glück für mich und ich stand irgendwie recht wackelig am Fensterbrett und nachdem ich mir gegen 20 Uhr ein Risotto mit Steinpilzen gekocht habe, schlief ich stehend fast ein.

    Dann öffnete ich mein Postfach mit Emails auf und ich las seine Nachricht an mich.

    „Ich möchte den Abend mit dir ausklingen lassen. Ich habe noch vier Emails zu schreiben“.

    Mein Nachbar hat sich nie per WhatsApp mit mir verständigen wollen. Er schrieb mir Emails wie man seine Lieferanten anschreibt und jedes Mal wenn wir uns getroffen haben, gab er mir seine Hand zur Begrüßung und ich finde diese Geste, vor allem unter Freunden, veraltet, unmodern, überholt, unpersönlich und emotional völlig entfernt.

    Mein ganzes Leben lang begrüßte ich meine Kunden und meine Business Partner mit der Hand.

    Es wurde mir klar, dass ich diese vier notwendigen Arbeiten für meinen Nachbar verrichten musste und es dauerte noch eine halbe Stunde und noch eine Zeit für die Dusche nach dem Besuch beim Friseur und erst dann stand mein Nachbar an meiner Tür mit seinem iPhone, Laptop, seinem Tablet und in der rechten Hand hielt er eine angebrochene Weinflasche, die er vorgestern bei Lidl für 1,99 Euro gekauft hat.

    Ich zündete die Kerzen an und arbeitete schnell an den Emails, obwohl ich so müde war, dass ich mir einbildete, nicht mehr wach sitzen zu können als ich plötzlich hin und her überlegte und fast entschlossen war, dem jungen Mann einen Teller mit Steinpilzrisotto anzubieten.

    „Nein. Nein. Ich habe schon gegessen. Ich war beim Italiener“.

    „Aber es gibt keinen Italiener in der Nähe von dem Friseurladen“.

    „Nein. Ich habe Taxi genommen und bin in das Restaurant gefahren. Nicht weit von hier. Es war sehr lecker“.

    Je länger ich über sein Verhalten heute nachdenke, desto unüberwindlicher erschienen mir die Versuche, mich mit diesem Mann zu befreunden und ich bin an diesem Abend, diesem Menschen gegenüber schrecklich misstrauisch geworden.

    Mein Nachbar hätte mich in den nächsten Wochen mit seinen Arbeiten, seinen Berichten und den langen Emails für die Firma fast umgebracht und er wartete auf mich im Treppenhaus wie ein Hund als ich nach unten ging und er verfolgte mich und war hinter mir her wie der Teufel hinter der Seele als ich die Treppe nach oben ging und gewagt, tapfer und furchtlos riss er seine Tür auf und hat mir seine Wünsche vorgetragen.

    „Kannst du mir die Haare im Nacken ausrasieren?“

    „Bringst du den Müll raus? Dann kannst du auch meins mitnehmen“.

    „Was gibt es heute bei dir zu essen. Wir können zusammen essen. Und wollen wir ein paar Emails beantworten?“

    Es folgten keine ruhige Tage in dem Haus und wir haben uns jeden Tag gesehen und seit März, seit sein Umzug vollendet war, über Nacht war mir mein früheres Leben, alles, woran ich hing, auf unheimliche Weise gestohlen worden.

    Ich weiß aber nicht einmal, ob sein Verhalten normal ist aber mit der Zeit zweifelte ich an der Wirklichkeit der jungen Generation.

    Seine Wohnung war staubig und verschmutzt weil mein Nachbar manche Wochen im Ausland verbrachte und an Wochenenden konnte er auf die Mädchen Besuche nicht verzichten.

    An manchen Samstagen und Sonntagen saß ich lange vor meinem Computer in der schwachen Wärme der Mittagssonne und leistete online meinem Manager gute Dienste.

    Ich schaute dabei aus dem Fenster und jedes Mal, vor allem an den schönen Tagen, als ich mich dort stundenlang aufgehalten habe, sah ich junge Mädchen auf der Hauptstraße und meinen Nachbar, der abwechselnd patzig, dreist, unbescheiden und unverfroren eine Puppe aufgerissen hat.

    Die Rosen, die er sich samstags gekauft hat, waren nach fünf Tagen welk und verblüht und mein Nachbar träumte gewaltig von einem Mädchen, das ihm aus seiner Wohnung den Schmutz entfernt und jede Woche allein für ihn, die Vase mit frischen Rosen füllt.

    „Ich will eine Frau, die vierundzwanzig Stunden auf mich aufpasst damit ich nicht so viel ausgehe und nicht ständig saufe“.

    Ein Mädchen hatte keine Ahnung, wie kostbar und unersetzlich sie war als wir zusammen in seiner Wohnung an einem Abend den Lidl Wein getrunken haben.

    An diesem Abend sollte sich das Mädchen nicht beklagen, es hätte für sie alles viel übler aussehen können. Es war fast beschämend als sie ihm die Schuhe ausgezogen hat, nur um ihm recht zu machen und später, packte sie seinen Koffer für die Reise nach Mailand, um diesen Mann fröhlich und zufrieden zu stellen.

    „Das Parfum kannst du hier lassen. Die Flasche ist zu groß. Nimm eine andere Flasche. Ach, das Parfum würde dir gut stehen, Mark“.

    Er drehte sich zu mir und sprühte mir den Duft auf die Hand.

    „Und warum gibst du Mark die Flasche nicht? Du hast so viele Flaschen hier. Alles Werbegeschenke“ – fragte das Mädchen.

    Mein Nachbar antwortete: „Diese Flasche ist sehr groß. Wenn du sie im Geschäft kaufst, kostet sie um 200 Euro“. 

    Ich saß nur ganz still an den Stuhl gelehnt, müde und wach zugleich, und ich sah in den Himmel. Der Name von dem Mädchen ist mir bis heute in meinem Kopf geblieben aber alle anderen Mädchen, die diesen Mann auch nur für eine kurze Zeit besuchten, sind aus meiner Erinnerung verschwunden und für mich und auch für meinen Nachbar völlig namenlos und gelöscht.

     

     

     

     

     

     

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