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    EINE FRAU UND EIN MANN

    Das einzige Wesen auf dieser Welt, das wirklich recht oder unrecht tun kann, war ein Mann.

    Der Mann hat mit seiner Ehefrau und mit seinem Kind um den Vorstadtbezirk einer Metropole gelebt.

    Jeden Morgen ist der Mann in seine Firma gefahren und zweimal im Jahr ist er mit seinem Sohn in sein Haus auf Malta geflogen, denn er konnte die winterlich verschneite Stadt im Norden nicht mehr erkennen.

    Dieser Mann bedeutete etwas Wichtiges für eine verheiratete Frau und nur er konnte für diese Frau, die ihn liebte wie ein Unmensch handeln, für sie die Entscheidungen treffen und für sie sogar denken.

    Davon wird diese Frau erst der Tod befreien.

    Die Magazine und Romane langweilten die verliebte Frau bald sehr und sie fand immer mehr Gefallen an den WhatsApp Nachrichten und sie liest sie heute noch mit sechzig.

    Alles, was sie über diesen Mann weiß, es ist sehr wenig, stammt aus diesen Nachrichten.

    Auch die Sätze, die darin stehen und über sie früher, mit dreißig nur gelacht hätte, gefallen ihr immer besser, manche sind pervers und manche gruselig, besonders eine Nachricht mit einer Frau, die sich ihre Brüste massiert und träumt von mindestens zehn Männern, die miteinander Sex haben und zwischendurch sie bedrängt werden.

    Damals konnte die verheiratete Frau mit solchen Geschichten nicht viel anfangen, aber heute – in der Zeit der Gesichtsmasken, Nerzmäntel und Porzellansammlungen, war die Frau nur noch hungrig nach diesem Mann und wartete jeden Tag, bis er sie in ein Stundenhotel lockte und wenn er wochenlang keine Nachricht schrieb, wurde sie tagelang wütend, denn die Frau hatte immer einen Hang zu Jähzorn.

    Die Jahre schlichen dahin. Alle Männer, die vor dem Augenblick keine Angst hatten und mit einer Frau mit fünfzig im Bett Spaß haben wollten, sind längst weggegangen, denn das Licht wurde ausgelöscht und sogar ein schöner Schornsteinfeger legte sich beleidigt in sein Ofenloch. Eine Frau aus dem Revier, in dem der Schnee schnell gefegt wurde und schmolz, dürfte einem Schornsteinfeger mit schönen Augen keine Zärtlichkeiten schenken, denn diese Frau würde einen Mann, der nicht adelig ist, in ihre Nähe nicht zulassen und die beiden hätten den ersten Winter nicht überstanden.

    So war das Leben der verheirateten Frau geteilt in schreckliche Nächte und grauenvolle Tage, an denen sie sich vor Müdigkeit, Depression, Trauer, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung kaum aufrecht halten konnte.

    Der Traum fing ganz harmlos und heuchlerisch an. Eine verheiratete Frau träumte von Toten und es gab keine Lebenden mehr in ihrem Leben, denn es gab nur diesen einen Mann.

    Bei Tag war sie erschöpft und teilnahmslos und unternahm verzweifelte Versuche, sich aufzumuntern.

    Sie wusste von Anfang an, dass etwas Schlimmeres bevorstand aber unaufhaltsam glitt ihr Traum dahin bis zu jenem Augenblick, an dem sie glaubte, sie hätten eine Beziehung und die enge Liebe von diesem Mann zu ihr in die Tiefe sank, immer tiefer, immer schneller, und aufschreiend wieder erwachte, als sie sich selbst im Spiegel sah und wiederholte: Er liebt nur mich. Seit zwei Jahren schon.

    Eine verheiratete Frau verließ das Familiengericht. Vielleicht wird sie ein wenig besser schlafen, aber sie träumte immer noch. Es wurde ihr klar, dass die Gefasstheit, mit der sie sich vom ersten Tag an in diese schreckliche Lage gefügt hatte, nur eine Art Betäubung gewesen war. Eine verheiratete Frau konnte nicht schlafen und die Angst, die sie nachts überfiel, schien ihr völlig qualvoll. Eine Angst um Vergangenes und Totes, das sie nicht neu beleben konnte und dem sie in der Dunkelheit der Nacht hilflos ausgeliefert war.

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