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    VERTIGO. MIR IST SCHWINDELIG. TEIL 2

    Heute sind inzwischen zwei Jahre vergangen und ich sehe dies alles sehr deutlich vor mir, und es wird mir ein bisschen übel wenn ich darüber nachdenke. Ich wusste gar nicht, dass ich es getan habe, bis mich irgendetwas aufschrecken ließ und ich verstummte.

    Mein Mann, ich muss es wirklich so klar ausdrücken, mein Mann drängte mich das ganze Leben zur Seite. Das war ein Weg, der leer war, mit kahlen Sträuchern, nackten Bäumen, so wie sie manchmal im November ausgezogen stehen und ein langer Weg mit nassen Steinen.

    Heute wundert es mich nicht, wenn ich noch immer die dürren Blätter hinter mir knistern höre unter dem leichten Tritt meiner Sohlen.

    Vielleicht gefiel ihm alles was er mit mir machte oder er spürte auch, dass ich sehr weit von ihm war und er wollte sich bemerkbar machen.

    Wie immer bei solchen Gelegenheiten folgte ich ihm schließlich weil ich seine Frau war. Er wusste viel besser als ich, wenn ich von vielen Sachen keine Ahnung hatte.

    Daher hat mein Mann alle Überweisungen und alle Banktransaktionen für mich erledigt.

    Für die Sachen mit der Bank habe ich mich nicht gewachsen gefühlt und immer wieder als er die Mieten und unsere Stromrechnungen online überweisen sollte, musste ich mich dazu zwingen, fröhlich zu scheinen, um ihn nicht zu enttäuschen.

    Aber ich war nicht fröhlich. Selbst wenn es ein herrlicher Tag war und die Luft schon ein wenig kühl und prickelnd war und ich konnte mit großer Klarheit jeden Baum und jeden Menschen sehen, war ich nicht glücklich und nicht fröhlich. Es war fast beschämend, dass es mich so bekümmert machte, mit meinem Mann zusammen zu leben.

    Eigentlich wünsche ich mir, alle Überweisungen selbst zu erledigen wenn mein Mann mir diese Tätigkeiten übergeben würde. Immer wieder wenn ich meinen Mann sitzend vor dem Computer gesehen habe, graute es mir davor, ihn zu bitten, mir die Sachen in die Hand zu geben.

    Bei Gelegenheit fragte ich meinen Mann, ob er mir die Verantwortung für das große Geld nicht mal überlässt, damit ich mich nicht die Empfindung mit mir in meinem Körper trage, ich wäre nur sein kleines Mädchen.

    „Du brauchst dich darum nicht zu kümmern!“ – sagte mein Mann als ich meine Lieblingsschale mit Insektenmalerei aus Meißener Porzellan mit Zahnpasta gereinigt hatte.

    Wenn ich mir kein sehr munteres Leben bereiten konnte, musste ich mich nur mit diesen simplen und frivolen Sachen des Lebens beschäftigen und nicht mal den Mut empfinden zu dürfen, mich mit dem Computer und seiner Welt zu beschäftigen. Sogar ich bildete mir manchmal ein, es müsste etwas Besonderes an meinem Mann sein, wenn ich mich seit zehn Jahren von ihm nicht getrennt habe. Natürlich war nie etwas Besonderes an ihm, aber ich – wie alle Menschen, die ich kenne, ich war einfach menschensüchtig und als ich nachts stundenlang in einem unruhigen Halbschlaf lag, dachte ich, ich habe nur Angst, alleine zu leben, denn wenn ich meinen Mann verlasse, verschont mich die Einsamkeit nie wieder.

    Kaum hoffte ich, mich ein wenig mit dem Computer auseinander zu setzen, lag schon wieder ein Hindernis vor mir. Genau das sollte mir nicht passieren aber was blieb mir übrig, als weiter zu leben?

    Es war eine große Lebenslust meines Mannes alle meine Emails und Nachrichten zu empfangen und wenn sie alle gelesen wurden, bekam auch ich meine Nachrichten zu lesen.

    Er klang zornig und ein wenig unzufrieden wenn ich den Zustand beklagt habe und alle meine Beschwerden vor meinem Mann sind ohnehin zugrunde gegangen.

    „Du musst dich nicht mit der Schwierigkeit der Computerwelt beschäftigen. Mach lieber deine Sachen und kaufe dir die Valentino Tasche, die du wolltest“.

    Abends las ich manchmal die Zeitungen und Magazine oder irgendwelche Bücher und ich habe die Beziehung zu allen Filmen und Fernsehsendungen verloren. Wir hatten ein großes Fernsehgerät in einem kleinen Raum. In diesem Raum hat mein Mann gearbeitet wenn er zu Hause seinen Vormittag verbracht hat, setzte er sich spät abends in seinen Chesterfield Sessel und beschloss den ganzen Abend dort zu verweilen.

    Heute lebe ich in einer Wohnung mit drei Fernsehgeräten und obwohl ich mich oft vor diesen Geräten einfach langweile, mache ich sie alle an und aus und bis jetzt denke ich, wie schrecklich es für mich gewesen war, als ich mich damals angelogen habe und mir ständig einreden versuchte, ich würde nie in meinem Leben ein Fernsehgerät gebrauchen.

    Es war unmöglich mit meinem Mann über die Auswahl der Programme zu reden und alle Mal vor dem Fernseher, sah ich in meinem Mann einen Herrscher und einen rücksichtslosen Tyrann.

    Ich konnte mich nicht wehren und ich hatte ständig ein Unbehagen in meinem Magen verspürt als mein Mann einen anderen Sender eingestellt hat.

    Es war uns gar nicht möglich einen Streit zu entfliehen und ich habe nachgegeben und darunter mit Bauchschmerzen gelitten. In meinem Schlafzimmer blieb ich den ganzen Abend alleine und es war kühl, dunkel und finster weil die Vorhänge waren immer zugezogen und ich las diese schrecklichen Magazine und spät, kurz bevor ich eingeschlafen war, fühlte ich mich ganz betäubt von Langeweile. Ich erlebte mich aufgekratzt und munter und nur mein Mann und auch ein Fremder hätten wahrscheinlich keinen Unterschied zwischen meiner Überreizung und meiner Kraftlosigkeit bemerkt. Ich konnte nichts dagegen tun und der Traum von der wunderschönen Liebe war ausgeträumt und ich hatte ohnedies nie wirklich daran geglaubt.

    Da die Liebe und Bewunderung für meinen Mann lustlos, hartherzig und kalt blieben und ich mich von meiner Müdigkeit nicht erholen konnte, beschloss ich wieder nach Menschen Ausschau zu halten. Meine einzige Sorge galt meinem Gang. Ich habe kleine Ausflüge in die Stadt geplant und als ich die Strasse überqueren versuchte, drehte sich alles unter meinen Füßen und ich dachte, das ist die Seekrankheit, obwohl ich nie in meinem Leben wasserscheu war, und ich wusste nicht, wie ich meine Beine noch halten werde. In meinem Kopf hatte ich meine Augen aber meine Augen schwankten und die Menschen neben mir haben nicht wirklich geglaubt, dass diese Frau sich nüchtern auf die Strasse gewagt hat.

    Es war ein schöner Tag im Herbst und Herbst war immer meine liebste Jahreszeit. In dieser Zeit, in der ich mich körperlich nicht sehr wohl fühlte, war die Sicht in die Ferne sehr unklar und ungünstig. Ich zitterte ein wenig und als ich anfing, die Minuten zu zählen bevor ich gefallen wäre, musste ich mich auf der Bushaltestelle auf die Bank hinsetzten und einen fremden Mann bitten, mir ein Taxi zu bestellen.

    Die Strassen in dieser Stadt waren nie leer aber ich fand immer eine Bank in meiner Stadt auf der ich eine lange Zeit mein altes Leben verbracht habe und auf der ich mich vor meinem Mann versperrt habe und ich hatte nie Lust verspürt und auch nichts anderes erwartet, als dort sitzen zu bleiben und nie wieder nach Hause zu kommen.

    Solange ich auf dieser Erde lebe, gibt es noch eine lebenswichtige Frage und ich möchte wissen, warum dieser fürchterliche Mann alle meine Spuren immer verfolgt hat, mich sehnsüchtig und hungrig gemacht hat, mir meine Seele beraubt hat, mein Herz zum Stillstand brachte, das Lachen aus meinen Lippen geklaut hat und wie ein Dieb und ein Betrüger, eine armselige Frau mit Steinen beworfen hat, bis das Blut in meinen Venen bisweilen starr wurde und erkaltete. In meinem Körper trug ich eine Zeit lang nur Wut, Zorn, Erregung und eine pulsierende Aufgebrachtheit und ließ alle diese Gefühle dort, wo es keinen Menschen um mich herum gab, denn ich war mir sicher, dass es dort keinen Menschen geben wird, der es mir hätte stehlen können.

    Eines Tages wird der letzte Schlag mich treffen, denn in einem Spiegel, als ich morgens aufgestanden war, sah ich eine blasse und leblose Frau. Sie trug ein schwarzes Spitzenkleid und sie war ganz dürr, schwach, gebrochen und tot und ich wusste, nicht einmal die Sonne, wenn schon kein Mensch, wird mir die Wärme geben, damit es mir die Vorräte reichen, die verbliebenen Jahreszeiten zu überstehen.

    Meine Psychotherapeutin trug immer einen purpurroten schillernden Schal um den Hals und als ich auf ihrer Bank, in ihrem Zimmer meinen Platz fand, musste ich mich jede Woche in meinem Herz ganz stark dazu zwingen, von ihr wegzugehen.

    Nach einem Jahr erst erwachte ich auf dem Kalender mit einer Tulpe fest angeklebt, zu neuem Leben. Ging es mir so gut oder so schlecht, dass ich wieder ohne Schwindel den Weg zu meiner Therapeutin finden konnte? Ich glaube, eher gut. Die ganze dumpfe Bedrücktheit der letzten Zeit in der mein Mann mir den Boden unter meinen Füßen beiseite gelegt hat, ließ mich unbefreit in einem Schwebezustand leben.

    Einmal, als mein Schwindel mich schon wieder zwischendurch mühsam und beschwerlich gequält hat und alle Häuser und die Kirchtürme um mich herum einen Walzer und Tango in einem tanzten, setzte ich mich auf eine Bank vor einer Boutique. Zuerst habe ich ein Seidentuch mit Rosen und Stiefmütterchen im Fenster entdeckt. Auf das Tuch konnte ich nicht verzichten und ich nahm das Seidentuch sofort mit.

    Meine Psychotherapeutin hat manchmal die Sitzung unterbrochen und kurz bevor die Zeit zu Ende ging, ließ sie meine Rosen und die Stiefmütterchen auf meinem Tuch nicht verwildern und bewunderte sie die Farbenpracht auf dem Tuch.

    Meine Therapeutin schenkte mir in den zwei langen Jahren in den ich sie aufsuchte, ein Überleben, eine körperliche Kraft und eine beharrliche Ausdauer mit großem Mut, mich zu entscheiden, das Haus meines Mannes endlich zu verlassen.

    Man kann das Haus und einen Menschen nur ohne Trauer und nur ohne Last verlassen. Denn nur mit dieser Veränderung, Klarheit, Befreiung und Zuversicht kann man ein anderes Haus einheizen.

    Es regnete schon wieder drei Tage und es wurde immer kühler. An meinem letzten Tag, an dem ich meine Psychotherapeutin aufgesucht habe, schenkte ich ihr mein rotes Rosentuch mit blauen, violetten und gelben Stiefmütterchen. Das Tuch hat ein kleines Loch an einem Rand aber wenn meine Therapeutin das Tuch kunstvoll bindet, wird kein Mensch auf dieser Erde das Loch entdecken und ich werde ganz vorsichtig und langsam die Wege stolzieren und ich werde die Strassen nie wieder unsicher und schwindelig betreten.

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