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    EIN MOSLEM UND SEIN HUT

    Ein junger Mann besuchte mich vor zwei Wochen. Er zog die Schuhe aus bevor er in die Wohnung kam. Ein warmer sauberer Duft lag über seinen Kopf.

    Er war war Moslem.

    Eine Woche lang hatten wir uns vorher schon im Netz geschrieben und er schickte mir schöne Briefe im Messanger.

    Bevor er am späten Nachmittag klingelte, machte ich mir Sorgen, wie er mich wahrnehmen, ob er mich mögen würde? Wird er merken, wie schüchtern und bescheiden ich im Kern meines Wesens bin? Wird er sehen, dass ich mir einen persönlichen Umgang, gar eine Beziehung wünsche?

    Zwei Tage lang vorher, kaufte ich ein, bestellte sogar Perlhühner aus Frankreich. Die polnischen Steinpilze besorgte ich leicht in einem Deli Shop und den roten Reis aus der Camargue. Dort, im Süden wächst dieser Reis auf tonhaltigem Boden und erhält so seine schöne granatrote Farbe. Er schmeckt ein wenig nussig und ist angenehm bissfest. Für das feine Mahl holte ich meine schönsten Teller und Gläser aus dem Schrank.

    Ach. Der junge Mann, Hakan, bekam viel Aufmerksamkeit von mir, denn seine letzten Wochen waren, wie ich wusste, trüb und traurig. Selbst meine Katze, die keinen Menschen neben mir duldet, war zutraulich, sprang auf seinen Schoß und legte ihren Kopf auf seine Knie.

    Unser Gast war sodann begeistert, als er beim Rundgang meine Hüte entdeckte. Mein Hutmacher ist ein Freund. immer wenn es mir schlecht geht, wandern meine Gedanken in seine Straße. Dort beobachte ich ihn vom Schaufenster oft, wie er die Hüte stärkt und später die Hutkante näht. „Ich möchte auch einen Hut tragen“, sagte der moslemische Freund. „Aber, was werden die Leute sagen?“

    Er wusste nicht viel über diese Kopfbedeckung. Nicht einmal, dass die Türken keine Wort für den Hut haben. Zumindest benutzt es fast niemand von Ihnen; auch nicht in deutsch. „Oh, kann ich mal Deine Mütze aufziehen? Machst Du dann ein Foto?“ So kommt es häufiger vor in der U-Bahn, wenn ich unterwegs bin, auf meine Art. Wie ich zwischenzeitlich recherchierte, hat die Türkei vor 90 Jahren etwa extra ein Hutgesetz erlassen. Damit war das tragen von Hüten erlaubt, gleichzeitig aber die orientalische Kopfbedeckung untersagt.

    Mustafa Kemal, der erste Präsident der Republik, hatte den Männern auf der Reise nach Kastamonu demonstriert, wie ein Türke einen Hut tragen solle. Kemal trug einen Panama, den er ab und zu abnahm und dann damit zur Begrüßung winkte. Damit führte er, by the way, einen Taubbruch durch und eine neue Gewohnheit ein. Nie vorher durfte in der osmanischen Gesellschaft ein Mann seinen baren kopf zeigen. „Es sind würdige Kleidungsstücke für die türkische Nation. Diese Kopfbedeckung nennt man Hut. Es gibt wohl Leute, die das Tragen dieser Zierde nicht für erlaubt halten. Denen möchte ich sagen, Ihr seid ziemlich gedankenlos und unwissend. Wenn es doch als strebsam gilt, den von den Griechen kommenden Fes zu tragen, warum dann nicht einen Hut?“

    Staunend wanderte Hakan’s Augen über meine Hutregale und-Ständer. Auch mit den Händen. Seine Lippen formten sich leise, wie bei einem Selbstgespräch. Er staunte über meine Ausführungen. Lachend, lockerer werdend. Hakan fühlte sich wohl. Er aß mit großem Genuss. Mir gefielen seine Bewegungen. Alles verlief leise.

    Später, bevor er mich wieder verließ, spülten wir gemeinsam in der engen Küche ab. Lachend, weil er schüchtern zugab, dies sei nicht männlich, mache aber viel Spaß zu zweit.

    Noch vor der Wohnungstür probierte er zwei der schönen Exemplare. Er strahlte glücklich, als ich nickte.

    Hakan kommt sicher wieder. Es sind mehr als 30 Hüte.

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