NOTE! This site uses cookies and similar technologies.

    If you not change browser settings, you agree to it. Learn more

    I understand

    EIN UNARZT, EIN PFLEGER UND MEIN SCHÄDEL VON HIEBEN GESPALTEN. Teil 36

    Meine Lungenentzündung färbte sich schiefergrau und mir wurde schon wieder ein wenig wärmer und kälter und ich muss sehr vorsichtig sein, denn diese Krankheit will mich nicht verlassen. Ich habe immer das Gefühl - um weiter zu leben, müssen mich die Pfleger in feuchte Tücher wickeln, damit ich noch atmen kann.

    Christian Matschke wäre froh, wenn ich schon tot wäre. Ich denke, es wäre ihm nicht schwer gefallen, mich, einen kranken, einen verletzten Menschen töten zu müssen. Es gibt nur mich, einen Menschen auf dieser Welt, den mein Krankenpfleger hätte am Leben nie lassen können.

    Man kann es gar nicht deutlicher sehen. Für Christian Matschke, der Halbpole ist, bedeutet Homosexualität ein Kapitalverbrechen. Mein Krankenpfleger aus der Schlankreye Dialyseklinik hat mich schrecklich zugerichtet. Ich sehe meinen Schädel von vielen Hieben gespalten und erst jetzt kann er in einer großen Blutlache ruhen. Trotzdem kann ich mich immer noch an Christian Matschke erinnern und heute noch sehe ich sein hässliches Gesicht und seine schmutzige und verkommene Kleider. Ich rieche bis heute und weiß ganz genau wie er mit seinem üblen Mundgeruch die Welt verpestet. Immer wieder als er in mein Zimmer kam, dachte ich – nur ein Raubtier kann so übel aus dem Mund riechen. Aber Adolf Hitler, wahrscheinlich das Vorbild für meinen Krankenpfleger, roch auch aus dem Mund – vermutete der Lausanner Rechtsmediziner Michel Perrier, der Mundraum und Zähne des Führers anhand alter Röntgenaufnahmen und ärztlicher Notizen wissenschaftlich untersucht hat.

    Mein Krankenpfleger roch nach Zigaretten und manchmal nach altem Hering und das liegt vermutlich am Fischgeruch-Syndrom. Wer dieses Erbleiden hat, kann das Molekül Trimethylamin nicht abbauen - der Atem, aber auch Urin, Schweiß und sonstige Sekrete riechen nach Fisch. An anderen Tagen stank Christian Matschke nach Methanthiol – das farblose Gas, das nach Fäkalien mieft und dann wieder an anderen Tagen vermischte sich sein Mundgeruch mit Zigaretten und faulenden Eiern. Nur ein Gestank aus seinem Mund hat mir manchmal gefehlt und das ist Cadaverin. Süßlich stinkendes Cadaverin, das entweicht, wenn Bakterien bestimmte Eiweißmoleküle spalten: manchmal im Mund und immer bei der Verwesung von Leichen.

    Jetzt bin ich ganz ruhig. Die Menschen in der neuen Klinik lieben mich und auch die Ärztin und ich weiß, dass dies noch nicht das Ende ist. Ich sehe ein kleines Stück weiter. Alles geht weiter. Diese Menschen, die mein Leben gebrochen und geschlagen haben – diese hässliche Menschen – dieser Unarzt - Doktor Schanz, der dort rausgeflogen ist und Christina, die faule, falsche, gehässige Stationsschwester und der Schwulenhasser, Nazianhänger – Christian Matschke sollen wehrlos darauf warten, bis der Schädel von diesen Menschen auch eines Tages eingeschlagen wird. So wie sie alle mein Schädel so schrecklich zugerichtet haben.

    Christian Matschke als Führer und der fürchterliche Unarzt, Doktor Schanz und Christina, die Stationsschwester – alle zwei als seine letzte Adjutanten. Es gab schon immer solche Menschen, die unbelehrbar waren. Sogar Hitlers letzter Adjutant, Fritz Drages verlor bis zu seinem letzten Atemzug kein schlechtes Wort über den Führer. Ich brauche jetzt nichts mehr zu befürchten, denn mein Pfleger ist nicht mehr da und er wird in der Klinik, in der ich mich sehr gut fühle nie arbeiten. Niemand wird mir schwulenfeindliche Sprüche ins Gesicht schleudern und nazihafte Gespräche über Auschwitz, Konzentrationslager mit mir anfangen.

    Ich mache keine Darmspiegelung. Ich habe Angst. Ich bin Hetero. Aber für Sie, das Rohr reingeschoben zu bekommen sollte doch kein Problem sein. Sie sind schwul“.

    Niemand wird mich verletzen. Jetzt bin ich in guten Händen und um mich von diesem Trauma zu befreien, bekam ich von meiner Krankenkasse dreißig Stunden bei einem Therapeuten.

    Wenn ich die Lungenentzündung überlebe und die Zeit ohne Feuer und ohne Munition auf mich kommen wird, werde ich mich mit schönen Sachen des Lebens befassen und für mich einen Ausweg suchen.

    Aktuell sind 74 Gäste und keine Mitglieder online

    © 2017 MARK WOLKANOWSKI All Rights Reserved.