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    LEITER DER DIALYSEPRAXIS SCHLANKREYE FRISTLOS ENTLASSEN. Teil 34

    Es macht natürlich einen riesigen Unterschied, ob ein Arzt seinem Patienten, eine Packung mit Tabletten auf den Tisch knallt und dazu gelangweilt murmelt: „Probieren Sie mal die aus“.

    Oder ob er den Patienten anlächelt und dazu freundlich sagt: „Ich glaube, das könnte Ihnen helfen“.

    Die zweite Variante ist zweifellos die bessere, denn in diesem Fall schafft der Arzt das Vertrauen des Patienten zu gewinnen. Es könnte sogar sein, dass das Medikament besser wirken wird.

    Jeder Mensch ist mit der Fähigkeit zu fühlen geboren. Den Umgang mit den eigenen Gefühlen muss man erst lernen. Man sollte sich selbst beobachten und sich dabei fragen, warum einem beispielsweise beim Anblick einer bestimmten Person innerlich die Hutschnur hochgeht.

    So fühlte Doktor Schanz als er mein Zimmer betrat. Er konnte mit mir nicht umgehen. Ich erlitt einen schweren Anfall von Mutlosigkeit und erfasste immer wieder ganz klar, welcher Schlag mich getroffen hatte als dieser kalte und herzlose unechter Mensch in meinem Zimmer stand.

    Ich bin von Natur aus ein ganz zugänglicher Mensch und ich bin nicht launenhaft aber jedes Mal wenn Doktor Schanz, der Leiter der Dialysepraxis in der Schlankreye in meinem Zimmer stand, spürte ich einfach die körperliche Erschöpfung, die mich jeden Montag, jeden Mittwoch und jeden Freitag so widerstandslos werden ließ. Was machte es schon aus, dass sie mich zuviel Kraft gekostet hatte? Ich glaube, die ganze Dialyseklinik war abhängig von diesem Diktator, Doktor Schanz und das ganze Personal wurde völlig ratlos und abhängig von diesem eiskalten Herrscher. Manche Menschen in der Klinik taten mir leid, die Schwester Yasemin, die ich sehr gemocht habe, dass ich anfing gute Laune zu heucheln, bis sie und ich wieder in eine ruhige, gleichmäßige Stimmung glitten. Ich habe Schwester Yasemin lustige Sachen aus meinem Leben erzählt. Yasemin hat den iranischen Arzt, den vorherigen Eigentümer der Klinik sehr vermisst und als dieser brutale, unsympathische Despot, Doktor Schanz plötzlich der Leiter der Dialysepraxis wurde, und auf der vierten Etage zur Visite erschien, bat sie mich ihr die Geschichte von der Wahrsagerin zu erzählen.

    „Na ja. Vor drei Jahren, es war noch Winter, besuchte ich eine bekannte Wahrsagerin und Kartenlegerin. Und sie versicherte mir, dass ich nie im Leben krank werde. „Sie haben nicht mal Herpes. Sie werden immer gesund bleiben und – ich sehe hier in den Karten, Sie werden bis ins hohe Alter ohne Krankheiten leben“. Und dann sagte sie: „Und ganz bald, ganz, ganz bald werden Sie die größte Liebe Ihres Lebens treffen. Eigentlich ist sie schon da, aber Ihr kennt Euch noch nicht. Es wird aber nicht in Hamburg sein!“

    Zu diesem Zeitpunkt habe ich alle meine Schulden abbezahlt und dachte, ich werde jetzt eine Reise nach Paris, Mailand, London und München buchen. Und in jeder Stadt sprach ich mit einem Mann in einem Café, im Flugzeug oder im Hotel und dachte: „Das ist der schon“.

    Jeden Tag wurde ich aber schwächer und müder und ich musste die Reise und so auch die Suche nach diesem Mann abbrechen. An einem Sonntag kam ich zurück nach Hause und am Montag bin ich ins Krankenhaus eingeliefert worden. Die Ärzte nahmen mein Blut ab und sagten: „Sie haben Niereninsuffizienz. Also ab heute sind Sie Dialysepatient“.

    Wenn man weiß, aus welchen Gründen man in bestimmten Situationen so wütend reagiert, hilft einem allein dieses Wissen über Umgang mit den eigenen Gefühlen schon ein ganzes Stück weiter.

    Ein weiterer wichtiger Punkt: Bei dem Thema "Gefühle zeigen" gibt es einen so genannten Gender-Bias – Geschlechtsbezogener Verzerrungseffekt. Ich habe erlebt, dass Frauen als kratzbürstig, hysterisch oder schwach bezeichnet wurden, während Männer in den gleichen Situationen als zäh, leidenschaftlich oder offen charakterisiert wurden. Dieses Messen mit zweierlei Maß ist in höchstem Maße destruktiv und tückisch, weil es dazu führt, dass Emotionen von Frauen eher abgelehnt werden als die von Männern. Das passiert häufig in genau den Situationen, in denen es auf Emotion ankommen würde. Das sind Situationen, in denen niemand im Raum es wagt, die kritischen Punkte anzusprechen. Wir alle sollten versuchen, diese Doppelmoral zu erkennen und nicht danach zu handeln.

    Mein Rat an den entlassenen Dialysearzt lautet: Seien Sie sich über Ihre Gefühle im Klaren. Zumindest einige Male in der Woche sollten Sie sich zehn Minuten nehmen und fragen: "Was fühle ich gerade?". Halten Sie das Ergebnis schriftlich fest. Ein Tagebuch kann hilfreich sein, um sich über den eigenen Gefühlshaushalt klar zu werden. Versuchen Sie, Ihren Emotionen ein wenig mehr Raum zu lassen. Lassen Sie zu, dass Menschen sehen, wer Sie sind. Beides ist notwendig für effektive Führung.

    Doktor Schanz, der Leiter der Dialysepraxis Schlankreye wurde fristlos entlassen. Die Vorstände der Firma Diaverum haben ihm eine halbe Stunde gegeben. „Packen Sie alles zusammen. Ihren Computer und alle Sachen aus Ihrem Büro. Sie haben dreißig Minuten Zeit“.

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