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    ENTSCHULDIGUNG SCHEINT DAS SCHWERSTE WORT ZU SEIN. TEIL 32

    Es ist gut, dass ich mich zwangsläufig nicht mehr mit dem Oberarzt und dem Krankenpfleger aus der Dialysepraxis-Schlankreye befassen muss. Trotzdem wenn ich endlich einschlief, träumte ich und erwachte wieder und tauchte unter in einen jener angenehmen Wünsche, dass die Menschen, die mich verletzt und misshandelt haben, sich bei mir entschuldigen.

    Eine verweigerte Entschuldigung hat wenig mit der Tat an sich zu tun. Der Gewinn für das Ego ist schlicht größer als die Erleichterung nach einer Entschuldigung. Dass dies auch nicht dauerhaft das Image ruinieren muss, zeigt Elton John, der 1976 das Lied - "Sorry seems to be the hardest word" sang. Auch Elton John war kein Fan von Entschuldigungen und wurde dennoch zum Ritter geschlagen, erhielt die Ehrendoktorwürde der Royal Academy of Music und ist Ehrenmitglied des englischen Fußballvereins Liverpool.

    Vielen Menschen fällt es schwer, sich zu entschuldigen. Aber Elton John hat es unnachahmlich gesungen: "Sorry seems to be the hardest word" ­ - „Entschuldigung scheint das schwerste Wort zu sein“. Es setzt voraus, dass jemand eine ausreichende Portion Wahrnehmungs- und Einfühlungsvermögen besitzt und spürt: „Ey, hier ist etwas grundsätzlich schief gelaufen“. In einem zweiten Schritt ist die unangenehme Einsicht dran: „Ich habe etwas falsch gemacht und einen Menschen getroffen, gekränkt und verletzt“. Solche Selbsterkenntnis kratzt am eigenen Ego. Wir sind alle nicht so toll und unfehlbar, wie man es immer meint.

    „Ärgerlich, aber ich muss es noch zugeben müssen!“ Trotzdem bedeutet den Opfern eine Entschuldigung unendlich viel. Wissen Sie, als Willy Brandt vor über dreißig Jahren vor dem Denkmal für die Opfer des Warschauer Ghettos in die Knie ging? Diese Geste bewegte Millionen Menschen. Die Entschuldigung des Papstes für Verfehlungen der katholischen Kirche gegenüber den Juden ging zwar manchem im Jahr 2000 nicht weit genug, wurde aber immerhin von vielen Zeitgenossen als Anfang begrüßt.

    „Mache ich meine Arbeit nicht gut?“ – fragte mich Christian Matschke eines Tages.

    „Gut sicherlich nicht, denn es fehlt die Seele. Sie arbeiten wie ein Roboter. Einmal eine „kalte Dusche“ und dann würden Sie wissen, was Sie alles falsch machen“ – antwortete ich ihm.

    „Für Sie gibt es auch eine Dusche, aber jetzt sage ich nicht welche“.

    Von Mai 1942 bis April 1943 ließ die Lagerverwaltung mit Hilfe von Häftlingen ein neues Gebäude auf dem Krematoriumsgelände errichten, die so genannte „Baracke X“.

    Neben zwei Eingangsräumen gab es mehrere Leichenräume und einen Raum mit vier Krematoriumsöfen, die ab April 1943 zur Einäscherung verwendet wurden. Ferner enthielt das Gebäude vier Desinfektionskammern für Häftlingskleidung, die seit Sommer 1944 in Betrieb waren.
    Die Baracke hat noch eine Kammer, über deren Eingang die Aufschrift „Brausebad“ steht, die jedoch keine funktionsfähigen Brausen enthält. Die Amerikanischen Truppen fanden am 29. April 1945 in den Leichenräumen zahlreiche tote Häftlinge und identifizierten diesen Raum als eine Gaskammer.

    "Es tut mir leid" heißt: „Ich fühle mich schuldig und ich erahne den Schmerz, den ich dir zugefügt habe, dein Leid verursacht auch mir Leid“. Ein Mensch, der Seele hat, muss spüren, was er dem anderen angetan hat. Beim so genannten Täter-Opfer-Ausgleich haben beide Parteien Gelegenheit, sich nach schweren Konflikten oder sogar Straftaten neu zu begegnen. Die persönliche Auseinandersetzung unter Beteiligung unparteiischer Dritter, das wäre Doktor Schanz als Leiter der Klinik, macht es möglich, sich auszusprechen, eine Entschuldigung vorzubringen und sich um Wiedergutmachung zu bemühen. Immer allerdings wird das nicht gehen. Doktor Schanz, der Leiter der Schlankreyepraxis hat auch in diesem Fall als Leiter der Klinik einfach versagt.

    Es gibt Taten, Verbrechen, die so folgenschwer sind, dass ein Mensch nie darüber hinwegkommt. Mit dieser bitteren Erkenntnis müssen dann Täter und Opfer weiterleben.

    Ich selber kann mich nur entschuldigen, wenn ich spüre, dass der andere es ernst meint. Sonst kommt zu der ursprünglichen Verletzung noch eine zweite hinzu: das Gefühl, nicht für voll genommen zu werden, für fremde Zufriedenheit missbraucht zu werden. Wer spürt, dass die Entschuldigung mit echter Reue verbunden ist, der kann leichter verzeihen. Das kann ich von meinem Krankenpfleger, der nur erbärmlich leer und eiskalt ist, nicht verlangen.

    In einer der biblischen Geschichten um Jesus fragt Petrus: "Wie oft muss ich denn meinem Bruder vergeben? Genügt es siebenmal?" Jesus antwortet weise: "Nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal." Das ist ein Hinweis auf den nötigen Kraft- und Zeitaufwand, auf die Intensität von Vergebung. Wir sind mit unserer Lebensgeschichte oft so verletzbar, dass wir uns gegen Angreifer wehren müssen. Alte Wunden sollten erst verheilt sein, bevor man ehrlich verzeihen kann.

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