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    WUTSYNDROM – DAS TIER IN EINEM KRANKENPFLEGER. Teil 30

    Menschen, die jähzornig sind entschuldigen sich und gewöhnlich bitten reumütig um Verzeihung. Einen solchen Ausraster erlebten wir schon wieder als der Trainer von Borussia Dortmund – Jürgen Klopp von einem Schiedsrichter von der Tribüne verbannt wurde. Es war beim Champions-League-Spiel in Neapel. Jürgen Klopp hat wild gestikuliert, laut geschrieen und zeigte vor Wut verzerrte Gesichtszüge. Sein Gesicht deutete auf eine monströse Urgewalt aus tiefster Seele. Mein Krankenpfleger, Christian Matschke ist nicht der einzige Mensch, der sich plötzlich in brodelnde Vulkane verwandelt. Ähnliche Situationen erleben wir ständig auf dem Bürgersteig, im Straßenverkehr, am Arbeitsplatz und wie oft - am Esstisch.

    Aus Amerika kommt der Begriff für das Wutsyndrom und heißt dort -„Intermittent Explosive Disorder“ und wird dort als Störungsbild der psychischen Erkrankungen anerkannt.

    Als Kriterium gilt das Auftreten von Wutanfällen und ähnlichen Episoden, in denen ein Mensch aggressiven Impulsen nicht widerstehen kann. Oft sind solche Episoden mit tätlichen Angriffen auf Personen oder Gegenständen gekoppelt. Charakteristisch für das, was Psychologen und Psychiater als Störungen der Affekt- und Impulskontrolle bezeichnen, ist aber, dass spontan aufkommende, aus der Situation heraus oft höchst verständliche Gefühle nicht schnell und effektiv genug von den kognitiven Instanzen im menschlichen Gehirn im Zaum gehalten werden können. Ein körperliches Erscheinungsbild ist oft ein starkes Schwitzen. Christian Matschke schwitzte und roch nach Schweiß. An den Tagen, an den er sich vor der Arbeit geduscht hat und parfümierte, roch er nach seinem süßlichen Parfüm und nach Schweiß. Jähzornige Ausbrüche sind auch häufig gekoppelt mit einem Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS). Nicht zuletzt - den Zornigen ist ihr Ausflippen später unangenehm und wenn sie eine menschliche Größe besitzen und ein Charakter – bitten sie ihre Opfer um Verzeihung.

    Für meinen Krankenpfleger – Christian Matschke war es ein seltsames Gefühl, unbehindert von seinen schrecklichen, aggressiven und schwulenfeindlichen Ausbrüchen, eine weite Fläche überblicken zu können. Aber die zwanzig Stunden, die ich in der Schlankreye Klinik verbracht hatte, waren die Wirklichkeit und eine bittere Erfahrung, die ich persönlich machte, und doch nicht vollkommen. Meine Gedanken waren immer schneller als die Augen und damit es mir besser ging, verfälschten sie das wahre Bild.

    Es fällt mir schwer, mich in Gedanken zurückzufinden sogar heute noch, obwohl ich jetzt in einer anderen Klinik dreimal in der Woche liege. Jeder Taxifahrer fragt mich, warum ich so weit zur Dialyse fahre, wenn eine Dialyseklinik in meiner Nähe ist und ich muss den allen Taximenschen diese sonderbare und tragische Geschichte von Nazisprüchen und Hass auf schwule Männer und Ekel auf kranke Patienten erzählen. Ich zeige allen Menschen die Bilder von meinem Krankenpfleger und bis heute hörte ich nur beängstigende Kommentare.

    „Oh, ist der Typ unsympathisch“. „Sieht aus wie ´ne Flasche“. „Eklig“. „Ein Bild reicht! Nee, ist er ungepflegt“. „Schrecklich. Das ist eine Pfeife!“.

    Ich lag auf dem Bett und musste meine Wunden etwa zehn Minuten drücken, damit das Blut aus dem Shunt nicht fließt. Mein Krankenpfleger drehte sich um, ging zum Fenster, zeigte mir den Rücken und spielte mit seinem iPhone.

    „Wollen Sie nicht mit mir reden, Christian?“

    „Nein. Das will ich nicht! Ich mache hier den Job und das ist alles! Es geht Sie nichts an was ich am Wochenende gemacht habe!“

    Viele Jähzornige sind nicht therapiewillig. Viele erkennen ihre Krankheit nicht, einige leben während eines Anfalls ihre Herrschaftsgefühle aus. Es ist der Moment der Macht über andere, die kurzfristig Lust verschaffen kann. Oft kommen jene, die unter jähzornigen Menschen leiden, als erste zum Therapeuten.

    Es gibt Studien, die zeigen, dass fast 70 Prozent der "Täter" gerade in der Familie jähzornig werden. Zu Hause unterliegt man nicht der sozialen Kontrolle, also - man kann diese widerliche Seite hemmungslos ausleben. Und gerade die Männer sind im sozialen Umfeld kontrollierter, spielen aber zu Hause oft den Tyrannen. Sicherlich gibt es Jähzorn bei Frauen. Sie leben ihre Ausbrüche anders aus als Männer. Frauen sind weniger gewaltsam, dafür schärfer in der Sprache. Christian Matschke, der Maschinenbau-Student konnte sich geistig mit nichts beschäftigen. Keine Bücher gab es in seinem Leben, keine Gespräche, keine Musik, nichts. Er war unfähig, sich zu artikulieren. Daher in seinem Jähzorn hat er nur gebrüllt und mich beleidigt und gelegentlich flog dort auch mal die Decke oder ein Kopfkissen, die mir von meinem Bett gefallen sind.

    Der Grund für die jähzornigen Ausbrüche sind oft die Eltern, die starke und extreme Stimmungsschwankungen in der Familie ausleben, verstecken aber ein großes Zerstörungspotenzial. Das Kind reagiert völlig verstört und weiß nicht, woran es ist.

    Viele Menschen, die einen Psychotherapeut in Anspruch nehmen, haben solche Situationen in der Kindheit erlebt. Die Opfer sind in doppelter Weise betroffen, weil sie als Blitzableiter missbraucht werden und sich oft selbst als Auslöser für den Tobsuchtsanfall des anderen sehen.

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