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    SCHWULER PROFIFUßBALLER, SCHWULER PATIENT UND DIE DIALYSEPRAXIS. Teil 24

    „Es ist beschämend, dass Mut dazu gehört, uns mitzuteilen, was uns eigentlich nichts angeht. Die einhellige Begeisterung von Prominenz und Politik ist verlogen, solange sie verschweigt, worüber dringen geredet werden muss.“ Diese Worte aus dem Tagesthemen-Kommentar von Esther Schapira könnten treffender nicht formuliert sein.

    Fast alle Menschen finden es nun nicht nur gut so, dass Deutschland endlich einen schwulen Profifußballer hat, sondern zeigten sich sogar begeistert darüber, dass der endgültige Beweis erbracht ist. Der Beweis dafür, dass Homosexualität in diesem Land wirklich so selbstverständlich und normal ist, wie man es selbst gerne glauben möchte.

    Für manche Schwule, die ein wenig älter sind und die sich bei ihrem eigenen Coming-out noch fragen mussten, ob sie verstoßen, enterbt und überhaupt ausgegrenzt werden, sind diese Vorgänge fast unheimlich, denn wie man sieht, mein Pfleger, Christian Matschke hat mir durch seinen Hass auf schwule Männer, eine psychische körperliche Schwäche und körperliche Erschöpfung verursacht. Ich lebe ganz offen mit meiner Homosexualität, obwohl ich weiß, dass in der Vergangenheit gab es einzelne Menschen, die den Mut hatten, tabuisierte Verhältnisse zur Normalität zu verhelfen, wobei diese Menschen immer offen angefeindet wurden, gelegentlich sogar getötet, wie z.B. Martin Luther King, der sich für die Rechte der Schwarzen stark machte.

    „Können Sie Ihre Beine in die Mitte des Bettes rücken?“ – sagte Christian Matschke zu mir.

    „Sie kommen mir zu nah und ich habe den Schwestern erzählt, Sie versuchen immer wieder den körperlichen Kontakt zu mir herzustellen!“.

    Ich sprang fast aus dem Bett und plötzlich hielt ich meine Beine zusammen in der Mitte des Bettes. Wenn ein Krankenpfleger Dir die Nadeln aus dem Körper rauszieht, ist es nicht einfach, ihn doch an seinen Händen nicht zu berühren. Eigentlich lebe ich seit Jahren gern am Rande von solchen hässlichen Männern wie Christian Matschke und es wird mir nie schwer fallen, solche kalte, ekelhafte Männer zu verlassen und zu ignorieren. Manchmal stelle ich mir vor, wie schön es gewesen wäre, irgendwo in Alaska, mit diesem kalten Gegenstand wie mein Krankenpfleger, alleine zu sein und nur noch die Sitzheizung anzumachen, um mich daran zu erwärmen. Das wäre für mich ein Paradies gewesen, aber ich zweifle daran, dass es auch meinem Herz und Seele so gut gefallen hätte. Nein, es wäre doch nicht das Paradies gewesen. Ein Paradies könnte nur außerhalb der Klinik, weg von meinem Krankenpfleger liegen, und ein derartiges Paradies kann ich mir nicht vorstellen. Aber ich hätte dort keine Luft mehr. Mein Krankenpfleger, Christian Matschke ist ein Dieb, denn er hat mir die Luft gestohlen.

    Doktor Schanz kann auch nicht kommunizieren. Von Hesse/Schrader, "Praxisbuch Small Talk", Eichborn Verlag, habe ich eines Tages ein Buch in die Etage gebracht und bat die Christina, die Stationsschwester, ihren Mitarbeitern, vor allem Christian Matschke, das Buch durchzulesen. Das Buch ist immer noch dort auf der Etage und selbst Doktor Schanz soll sich das Buch ansehen.

    Der Pfleger stand neben mir im Zimmer. „Ihnen geht’s gut?“ – fragte ich ihn, um ein kleines Gespräch anzufangen. „Durchaus“ – antwortete er. Ich habe noch nie in meinem Leben das Wort - „Durchaus“ in meinen Mund genommen.

    Schon wieder erlebte ich einen schweren Anfall von Mutlosigkeit und erfasste wiederholt ganz klar, welcher Schlag mich schon wieder getroffen hat. „Wollen Sie nichts mehr sagen? Kein Smalltalk?“

    „Nein! Soll ich Ihnen das Buch zurückgeben?“ – fragte der Pfleger.

    Ein paar Wochen lag ich mit einem schwerkranken Mann in einem Zimmer zusammen. Sein Herz konnte der ziemlich junge Mann nicht mehr unter Kontrolle halten. Er kam später zur Dialyse, denn vorher musste der Patient, Doktor Schanz aufsuchen. Er war ratlos als er zurückkam und hat sich unter die Bettdecke verkrochen.

    Der Patient wartete sehnsüchtig auf die Visite und als die Ärztin zur Visite kam, fragte sie ihn, welche Ergebnisse er ihr vorzutragen hätte.

    „Ich weiß es nicht“ – sagte der arme Mann.

    „Wie, Sie wissen es nicht. Sie waren doch vorher bei Doktor Schanz! Sie müssen es wissen!“ - mit Reiz und Zickigkeit brüllte sie den Mann an.

    Es schien mir absurd und lächerlich als ich es gehört habe.

    „Darf ich mich kurz einschalten?“ Ich musste diesen Mann verteidigen.

    „Der Patient war bei Doktor Schanz und machte seine Herzuntersuchungen. Im Zimmer von Doktor Schanz war eine Praktikantin und Doktor Schanz hat sich nur in der medizinischen Sprache mit ihr unterhalten. Der Herr hat Doktor Schanz gebeten, sich klarer ihm gegenüber auszudrücken. Der Oberarzt hat jedoch gesagt, er wird schon später die Ergebnisse bekommen. Und später kam ein Anruf und Doktor Schanz hat das Zimmer verlassen. Die Untersuchungen waren abgeschlossen und das Herz von diesem Mann klopfte nur noch rascher. Jetzt ist es zu spät. Da müssen Sie schauen, wo die Ergebnisse sind“.

    Sie ging zur Rezeption und brachte ein Stückchen Papier. Hoffentlich wird der Bleistift ihnen Übelkeit bereiten, ich weiß nicht einmal, ob er giftig ist oder nicht.

    Drei Tage später ist der Patient gestorben.

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