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    KRANKENPFLEGER, AUSCHWITZ, DIALYSEARZT UND DER GEBROCHENE EID. Teil 23

    Endlich fühle ich mich in Sicherheit, einer kleinen, armseligen Sicherheit und völlig geschützt vor Beschimpfungen, Ehrverletzung, Aggressionen und verbalen Gewalt gegen schwulen und kranken Männern. Christian Matschke hat mich ein paar Tage aus Hass nicht begrüßt. An einem Mittwoch zog ich mir die Decke über den Kopf und schlief endlich tief und ungestört zu Hause. Wenn ein Krankenpfleger Dich nicht mehr grüßt, fühlst Du Dich wie ein Erdklumpen und als kranker Mensch verliert man das Bewusstsein. Immer wieder erwachte ich als mein Telefon klingelte und als die Ärztin mich gebeten hat, in die Klinik zu kommen, alles war für mich wie ein Donnerschlag, und immer wieder schlief ich ein. An diesem Tag war ich mir sicher, dass ich nie mehr zur Dialyse gehen werde. Es wäre ein falscher Tritt wenn ich im Bett zu Hause geblieben wäre, aber an diesem Tag, in meinem Bett, alle meine Sorgen hätten endlich ein Ende in dem tropfnassen Bett gefunden.

    Mein Blutdruck hat sich bis heute nur ein wenig verbessert, aber es blitzt und es donnert noch lange bei mir und der Rauch des Feuers wird mich nie beruhigen.

    Im Winter, nach Weihnachten, fuhr Christian Matschke mit der Familie nach Ustron in Polen. Ustron liegt nicht weit entfernt von Auschwitz-Birkenau. Es war wieder eine nutzlose Quälerei als ich meinen Krankenpfleger, nach seinem Urlaub, über das gute Essen in Polen fragen wollte. Worauf wartete ich eigentlich noch? Christian Matschke war nicht imstande mit mir wie ein Mensch zu reden. Fast alle Menschen, die ich sehr geliebt habe, sind heute schon tot und in diesem Moment wusste ich, ich werde nie schmerzlos sterben. Solange mein Krankenpfleger, Christian Matschke neben mir stand, war es mir klar, ich würde im Winter verhungern und ich werde nie gerettet werden.

    „Ich war in Auschwitz. Aber dort waren Sie noch nicht, Herr Wolkanowski, oder?“

    Ein Gast-Krankenpfleger von der zweiten Etage kam in mein Zimmer, um mir die Nadeln aus dem Arm zu ziehen. Christian Matschke stand an der Schwelle. „Na, wie war Dein Urlaub, Christian“? – fragte der nette Pfleger.

    „Schön. Ich war mit der Familie dort. Familie spielt eine große Rolle für mich. Das war gut, die ganze Familie zusammen zu sehen. Und ich war auch in Auschwitz. Das habe ich mir auch angesehen“.

    Unsere Blicke haben sich getroffen und der Groll und Hass in seinen Augen hätten besser daran getan, mich sofort zu erschießen.

    „Ich war in Auschwitz. Aber dort waren Sie noch nicht, oder?“ „Familie spielt eine große Rolle für mich“.

    Damals wurde Homosexualität als ein „entartetes“ Verhalten gesehen, das die Leistungsfähigkeit des Staates und den männlichen Charakter des deutschen Volkes bedrohe. Schwule Männer wurden als „Volksfeinde“ denunziert. Man beschuldigte sie, die öffentliche Moral zu zerrütten und die Geburtenrate in Deutschland zu gefährden. Hunderttausende schwule Männer wurden durch den NS-Staat erfasst und verfolgt. Man versuchte, deutsche Schwule, die nach Ansicht des Nationalsozialismus ja Teil der „Herrenrasse“ waren, in die sexuelle und soziale Konformität zu zwingen. Schwule, die sich nicht anpassten und ihre sexuelle Orientierung unterdrückten, sollten in Konzentrationslager geschickt werden, um sie durch Arbeit umzuerziehen oder zu vernichten. Häufig wurden sie nach Verbüßung der ihnen verhängten Gefängnisstrafe, manchmal aber auch, ohne dass sie gerichtlich verurteilt worden waren, von der Gestapo in Konzentrationslager verschleppt. Sie mussten dort den Rosa Winkel tragen, ein Abzeichen, das sie im Lager als Homosexuelle kennzeichnete.

    Wenn nur ein Azubi einen Kunden schwer beleidigt, ist eine Kündigung sofort fällig. Antischwule Gewalt, Beschimpfung, Ehrverletzung, Unprofessionalität oder Tätlichkeit gegenüber Schwulen ist genauso strafbar wie gegenüber Heteros.

    Christian Matschke war vor sieben Jahren ein Zivi in der Schlankreye Dialysepraxis und so ist er bis heute dort geblieben. Ohne Bildung und ohne Ausbildung läuft Christian Matschke Amok in der Dialysepraxis-Schlankreye. Er läuft durch die Etage wie betäubt und ohnmächtig.

    Seine Angst und seine ständige Schuldgefühle müssen irgendwie weggedrückt werden.

    Dieser Krankenpfleger der MVZ-Dialysepraxis kommt um sechzehn Uhr auf die Station und ist völlig unvorbereitet, denn er ist über das Befinden der Patienten nicht informiert. Seine Kälte, seine Ignoranz, seine Gleichgültigkeit, seine Scheußlichkeit, Schlechtigkeit, Feindlichkeit und Rohheit haben mich bis heute in Schrecken versetzt. Man kann aber von Gegenständen nichts erwarten. Er hat nur sechs Liter Blut in seinem Körper und zweihundertsechs Knochen, sonst hat er nichts mehr in seinem Körper. Dieser Gegenstand hinderte mich gesund zu werden.

    Der Oberarzt, Doktor Schanz hat von seinen schweren Zeiten in der Universitätsklinik in Eppendorf nichts gelernt. Die Menschen munkeln, Doktor Schanz ist dort rausgeflogen. In dem Eid musste der Arzt geschworen haben:

    „In alle Häuser, in die ich komme, werde ich zum Nutzen der Kranken hineingehen, frei von jedem bewussten Unrecht und jeder Übeltat, besonders von jedem geschlechtlichen Missbrauch an Frauen und Männern, Freien und Sklaven.

    Wenn ich diesen Eid erfülle und nicht breche, so sei mir beschieden, in meinem Leben und in meiner Kunst voranzukommen indem ich Ansehen bei allen Menschen für alle Zeit gewinne; wenn ich ihn aber übertrete und breche, so geschehe mir das Gegenteil.“

    Und wenn ein Arzt diesen Eid bricht, bedeutet es – in Zukunft sollte aus seinem Beruf ein dauerndes Leiden werden.

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