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    TRAURIGE WEIHNACHTEN IN DER DIALYSEPRAXIS. Teil 21

    Es ist eine mühevolle Beschäftigung diesen Bericht zu schreiben, bald tut mir mein Herz und meine Seele weh und der Arm, der geschwollen ist von vielen Nadelstichen und ich kann nur mit einer Hand schreiben, denn meine linke Hand ist an der Maschine und ich kann sie kaum bewegen. Ich war aber wie besessen von der Vorstellung, dass ich diese Schreibarbeit mit meinem Bericht erledigen musste. Sie beruhigte mich und brachte einen Hauch von Ordnung in die riesengroße, schreckliche Unordnung, die über mich hereingebrochen war.

    Etwas wie der Krankenpfleger, der Student eigentlich, in der Dialysepraxis Schlankreye und der Oberarzt, Doktor Schanz dürfte es einfach nicht geben. Heute ist wieder ein Jahr vergangen, und ich leide immer noch unter diesen Schocks und seelischen Belastungen und ich brauche kein Fernglas um das ganze noch einmal klar und scharf zu sehen. Wie ein Asylant habe ich Unterkunft in einer anderen Praxis bekommen und trotzdem sehe ich noch so lange in die Diaverum Dialysepraxis hin, bis meine Augen tränen und das Bild in Formen und Farben zerrann.

    Von den kranken Menschen, die wertvoll über Doktor Schanz gesprochen haben, war nichts zu hören. Sie mussten sich in der Zeit der Krankheit in dieser Dialysepraxis aufgehalten haben.

    Nur eine Patientin stand plötzlich an der Rezeption. Eine junge, attraktive Frau, die sich neigte und näherte ihre große Lippen an Doktor Schanz` Mund und küsste ihn leidenschaftlich auf den Mund.

    Der Kuss und die gegenseitige Begutachtung schienen günstig ausgefallen zu sein, denn beide Menschen – der Arzt und die Patientin waren in diesem Moment zufrieden und beruhigt.

    Es wunderte mich, dass dieser Arzt, der sonst keine Gefühle anderen Patienten zeigte, versuchte sofort, eine solche Erleichterung zu verschaffen. Ich dachte, als junger Mann hatte er zum Spaß küssen gelernt, aber das lag Jahre zurück, und er hatte jede Übung verloren.

    Das Bild werde ich nicht vergessen, denn jeden Morgen wenn ich meine Augen aufschlage, kommt auf mich diese unerträgliche Szene zu, wie Doktor Schanz mich aus der Diaverum Dialysepraxis rausgeworfen hat.

    Wenn ich heute daran denke, werde ich hellwach und sehr zerschlagen von diesen ungewohnten Umgangsformen. Ein Arzt, der eine junge Patientin auf den Mund küsst und einen kranken Mann brutal aus der Praxis rausschmeißt. Das sind erschreckende Bilder. Aber mit diesen Ängsten müssen vielleicht andere Patienten aus der Schlankreye Praxis Tag und Nacht leben.

    Ich lag nur ganz still in meinem Bett, angekettet an der Dialysemaschine, müde und wach zugleich und sah in den Himmel als der Krankenpfleger – Christian Matschke oder der Oberarzt – Doktor Schanz in mein Zimmer kamen und als sie das Zimmer verließen, sah ich nur die unendlichen Abgründe, die sich zwischen meinem Herz und meiner Seele auftaten. Ich konnte es nicht ertragen, eingesperrt und unfrei zu sein und ich wünschte mir, zwanzigmal am Tage, dass diese Menschen mit mir reden würden. Der Oberarzt hat nie mit mir gesprochen und nie gefragt, wie wir den Konflikt lösen könnten. Die Ärztin, die mich fast immer besuchte war zu ungeschickt und unverantwortlich: „Lassen Sie mich in Ruhe! Niemand interessiert sich dafür, was Sie gesagt haben oder was Christian gesagt hat!“

    Nach einem Jahr Streit und Quälerei mit dem Maschinenbau-Student oder Wirtschaftsingenieur-Student – Christian Matschke, war es mir, als lebte ich schon zwanzig Jahre in dieser Praxis und dieser Mensch war nichts mehr für mich als eine Figur aus Stein und Ziegel. Ich war bestürzt über die Kälte von dem Krankenpfleger und über die bestialische, inhumane und unbarmherzige Art von dem Oberarzt – Doktor Schanz, der Leiter der Dialysepraxis in Hamburg.

    Jeder Gedanke über diese Menschen verursacht ein Unbehagen, aber ich konnte dem Unbehagen nur entrinnen, wenn ich mitten hindurch ging und es dann alles wieder hinter mir ließ. Das ist mir aber nicht gelungen. Ich habe es nicht geschafft, dass die Trauer nach diesen unerträglichen Erlebnissen mit meinem Krankenpfleger nur oberflächlich an meinem Leben erhalten bleibt. Alle Umstände in dieser Dialysepraxis hatten diese eiskalte Menschen gezwungen zu lügen und ab jetzt war längst jeder Anlass und jede Entschuldigung für eine Lüge weggefallen, denn ich hatte das Gefühl, nicht mehr unter den Menschen zu leben.

    Vor Weihnachten, vor einem Jahr war es endlich soweit, dass ich mit meinem Pfleger reden wollte.

    „Christian, Sie wissen, dass ich ein Koch bin und ich habe die Sendung „Das Perfekte Dinner“ gewonnen. Ich wünsche mir nur Frieden zwischen uns und ich möchte Sie zum Essen einladen. Ein schönes Essen für Sie. Wir können reden, rauchen, trinken und ich koche alles für Sie, was Sie wollen. Ich will endlich das Kriegsbeil zwischen uns begraben“.

    Er stand neben mir, den Kopf gesenkt, dumpf vor sich auf die Maschine hin starrend: „Meine Intuition sagt nein dazu“.

    „Wissen Sie Christian, in solchen Situationen sind selbst die Götter sprachlos“.

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