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    DER HERRSCHER IST DER ERSTE DIENER DER DIALYSEPRAXIS. Teil 19

    Nie zuvor und nie nachher hat mir mein Herz so weh getan. Vielleicht hatte ich gedacht, dass mein Herz mir nicht geheuer war. Ich habe sehr lange an derartigen Ängsten gelitten, sobald ich mich zurückerinnere, und ich werde noch lange darunter leiden, solange diese Menschen – mein Krankenpfleger und der Oberarzt leben und in dieser Praxis arbeiten. Christian Matschke hat mich so diskriminiert und entehrt, dass ich mir schon lange gewünscht habe, tot zu sein, um meine Bürde endlich abwerfen zu können. Über diese schwere Last habe ich schweigen müssen, denn die Ärzte haben mich nicht verstanden.

    Die Ärztin sagte immer wieder zu mir: „Das ist ein Idiot. Der Junge tickt nicht richtig. Haben Sie es noch nicht gemerkt? Schmeißen Sie ihn raus! Das dürfen Sie doch! Wir können ihn nicht rausschmeißen, denn er ist unsere Billigkraft!“

    Den Pfleger wollte ich nicht aus meinem Zimmer entfernen, denn es gab nur ihn und die Schwester Yasemin auf der Etage, denn Christina wanderte durch die Etagen und hat Yasemin manchmal schon um fünfzehn Uhr alleine mit zehn Patienten gelassen. Der Pfleger kam erst um sechzehn Uhr und kurz vor dieser Zeit hat sich Christina von der Station verabschiedet. Yasemin würde sich nie darüber beklagen wollen, denn sie kommt aus anderen Ländern und in diesen Ländern würde man nie über die heimliche verzehrende Sorge in ihrem Herzen reden wollen. Yasemin aus Afghanistan war sehr nett und ich habe mich mit ihr befreundet und wir redeten nie über den Preis, den sie für ihre Fähigkeiten bezahlen musste.

    In einem anderen Zimmer lag ein Patient, der oft eine Schwester einfach aus dem Zimmer rausgeworfen hat, aber der Oberarzt kam eines Tages zu ihm und hat ihm einfach verboten, die Schwerster aus dem Zimmer zu entfernen.

    Das war der Grund, warum ich mich so sehr fürchtete, diesen ungebildeten, unausgebildeten und ungepflegten Pfleger, Christian Matschke, der kein Pfleger ist, aus meinem Zimmer zu entfernen. Nur das wollte ich nicht. Diesen Menschen von Oberarzt, Doktor Schanz zu erleben, wie er mir Verbote erteil. Dienst am Werk – und seine Hochmut und Schaffensdrang als Verpflichtung empfindet er als eine schwere und tiefe Befriedigung und nur an seiner Leistung sollte man diesen Arzt erkennen.

    „Der König ist der erste Diener seines Staates“ – das ist der Satz von Doktor Schanz und die Akzentsetzung in der Klinik und wenn der Oberarzt die französische Sprache beherrschte, würde er einfach immer wieder wiederholen – „L`Ètat c`est moi“ – „Der Staat bin ich!“. Seine Arztkultur ist ganz einfach auf die Person des Herrschers zugeschnitten. Damals war Doktor Schanz eine „graue Eminenz“ als die Klinik dem iranischen Besitzer gehörte, aber gerade dieses sich Zurückhalten hinter das „Werk“ und hinter dem was er leistete, gab diesem Oberarzt das Bewusstsein seiner Würde und somit sein Selbstwertgefühl. Doktor Schanz blieb immer im Hintergrund, dennoch hielt er die entscheidenden Fäden in der Hand.

    Dieser Mensch – Doktor Schanz – hat eine vitale Zähigkeit und Ausdauer und auch eine starke Belastungsfähigkeit und vor allem, ein zähes Durchhaltervermögen und diese Züge lassen ihn nie aufgeben, wo andere längst resignieren würden. Daher wagt sich so ein Mensch an die Dinge, die viele gar nicht versuchen würden, und so gelingt ihm oft eine seelische Verhärtung bis zu sich völlig abgrenzende Gefühlskälte, unter der dann, vor allem, seine Umgebung leidet. Sonst würde Doktor Schanz mich nie aus der Dialysepraxis rauswerfen. Sonst würden die Menschen in der Praxis diesen Arzt nicht als kühl, unnahbar, fremd, unfreundlich und herrschaftlich bezeichnen. Ich möchte sagen, dass diese Art als Arzt zu herrschen, für mich sicherlich nicht die angemessene Form des Lebens für die Patienten ist. Ich erkannte sehr schnell wie der Oberarzt, Doktor Schanz tickte und ich war nicht fähig, aus diesem unguten Klinikleben auszubrechen. Diese zwei Jahre befand ich mich in einer Abhängigkeit und es wunderte mich, dass ich nicht eines Tages vor Überdruss tot umgefallen bin.

    Dieser autoritätsgläubige und autoritätsabhängige Pfleger, Christian Matschke, der keine Pflegerausbildung hat, konnte nicht mal die Nadeln aus meinem Körper richtig rausziehen. Er hat sich genug Schaden angerichtet als das Blut aus meinem Shunt auf seine Kleider spritzte. Es war eine lästige Arbeit für ihn, denn seine Hände haben nie gelernt, mit solchen Sachen umzugehen, und waren sehr ungeschickt.

    Yasemin sagte dann: „Und wer wird Deine T-Shirts waschen? Du musst Herrn Wolkanowski die T-Shirts geben. Das ist sein Blut“. Yasemin wollte die Toten in Frieden ruhen.

    Ich stand mit zwei Pflegekräften vor dem Eingang als Christian nach Hause ging.

    „Ey, wie hast Du es gemacht?“

    „Das war Herr Wolkanowski“ – sagte Christian Matschke und stieg in sein Auto.

    Ich mag nicht, wenn man mich überfällt, denn so setze ich mich sofort zur Wehr. Aber Doktor Schanz, der diktatorische Oberarzt der Dialysepraxis in Eppendorf hat keine Rücksicht auf mich genommen. Dieser unausgebildete und ungebildete Pfleger dürfte ab dann keine Nadeln aus meinem Körper ziehen. Bei allen anderen Patienten dürfte er die Nadeln berühren. „Doktor Schanz hätte das schlichten müssen“ - sagten meine Freunde, die Ärzte sind. „Aber über seine Herzensverhärtung sprechen alle in dieser Stadt“.

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