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    MEINE IDEOLOGIE, MEINE RELIGION UND SEXUALITÄT PASST DEM PFLEGER NICHT. Teil 16

    Warum sollte ein Mann wie Doktor Schanz, der Oberarzt, der keine Kritik ertragen kann und keine Konflikte lösen will, überhaupt noch in solchen Positionen arbeiten?

    „Ihr Blutdruck ist zu hoch. Wissen Sie, laut Untersuchungen steigt der Blutdruck bei normalen Menschen, aber bei Nonnen, die im Kloster leben, bleibt dieser auch in den älteren Jahren konstant und in einem guten Bereich“ – sagte der Oberarzt zu mir.

    „Ja. Das weiß ich. Ich habe diese Umfrage auch gelesen. Aber die Nonnen haben keinen Christian Matschke in der Nähe. Sie leben in einer Symbiose mit dem Gott“.

    Es ist nicht gut für mich, mit einem autoritären Menschen zusammen zu sein, denn er wird immer versuchen einen Schatten aus mir zu machen bevor er mich zu Tode versorgt. Das Gefühl habe ich eben, und meine Krankheit hat daran auch nichts geändert.

    Wenn ich an diesen Oberarzt denke, an Christina, die Stationsschwester und Christian Matschke, der Krankenpfleger, (alle Namen sind frei erfunden), muss ich einfach zweifeln, ob mich die Menschen überhaupt noch ertragen können. Vielleicht kann mich nur noch meine Katze ertragen.

    Im Moment, nach diesen Reibereien mit Christian, meinem Krankenpfleger, kann ich nichts sehen, was unser Zusammensein in dieser Klinik glücklich und friedlich hätte gestalten können. Vorige Woche fragte ich Christian, ob ich ihm eine Frage stellen darf. Eine einfache Frage, wie sich seine polnische Sprache entwickelt, obwohl er nur mit seiner Großmutter die Sprache spricht. Noch heute werde ich täglich von Verlangen nach dieser Frage überfallen.

    „Stellen dürfen Sie die Frage schon. Aber ich werde es mir überlegen, ob ich auf diese Frage eingehe“.

    Um meine Freiheit und meine Wünsche, mit meinem Krankenpfleger wie ein Freund zu Freund zu reden, ist es sehr traurig bestellt. Oft denke ich, es hat keinen Sinn darüber nachzudenken, denn mein Krankenpfleger darf nur Kleinigkeiten in meinem Zimmer erledigen und ich weiß nicht mal, ob er sich wünschen würde, mir die Nadeln aus meinem Körper rauszuziehen. Der Oberarzt, Doktor Schanz ist nicht bereit, meinem Pfleger die Verantwortung zu geben, mich abzuhängen und dabei ihm eine Chance zu gewähren, mit mir wie ein Pfleger und Patient zu reden. Wie zwei Menschen eben und dabei wird ihm doch keine neue Last auferlegt.

    Wenn Christian mit seinem Ekel mir gegenüber und Schwulenhass so sehr erfüllt ist, wird er mich auch nie wie ein Mensch umarmen und die Nähe zu mir herstellen. Dadurch fühle ich mich dauernd wie erschlagen. Meine Ideologie, meine Religion, Sexualität und Menschentyp taugt Christian Matschke nichts, und er wird seine Einstellung nie ändern.

    „Warum soll ich Ihnen meine Nähe zeigen? Warum soll ich Sie überhaupt umarmen? Meinen Vater kann ich höchstens umarmen, aber warum Sie?“

    Ich werde immer dünner und kraftloser, und sogar das Liegen in der Klinik strengt mich übermäßig an. Ich weiß wirklich nicht, wie ich es fertig bringe, diese fast zwanzig Stunden in der Klinik zu überstehen. Ich weiß nicht, wahrscheinlich gelang es mir nur, weil ich es mir in den Kopf gesetzt hatte, dass es alles für mich nur ein Traum gewesen war und das alles keine Krankheit für mich war, sondern ein Paradies. Und heute weiß ich genau, dass es kein Paradies für mich war, denn ein derartiges Paradies kann ich mir nicht mehr vorstellen. Heute langweilt mich der Gedanke so sehr, und ich habe kein Verlangen danach. Seit einem Jahr bin ich nicht mehr der, der ich noch vor zwei Jahren war. Wenn ich mir heute einen Krankenpfleger wünschte, so müsste er ein witziger und lustiger Mann sein, mit dem ich lachen könnte. Denn das Lachen fehlt mir noch immer in der Klinik sehr. Aber mein Pfleger ist ein Wirtschaftsingenieur-Student und er wird wohl eines Tages vor mir gehen, und ich bliebe wieder allein zurück. Es wäre schlimmer, als ihn nie gekannt zu haben. Ich glaube, das Lachen wäre damit viel zu teuer erkauft.

    Und dann müsste ich mich ständig an diesen Mann erinnern und das wäre für mich viel zu viel.

    Die ganze Sache mit Christian hat noch einen tiefen Grund. Christian Matschke hat durch seine langsam-schwerblütige und oft schwerfällige Reaktionsweise Probleme, mit mir umzugehen. Dadurch, alles was ihm mit mir begegnet, wird er emotional erleben und nicht verarbeiten und sich gegen dem Fremden, eine Persönlichkeit wie ich es bin, von rascher und oberflächlicher reagierenden Abgrenzen zum Selbstschutz entfernen.

    Es ist so als eine Mutter zu ihrem Sohn sagte:“ Wenn an Dich als Kind etwas Neues herankam, sagtest Du immer zuerst „nein“.

    „Warum schauen Sie mir nicht in die Augen wenn Sie mit mir reden?“ – fragte mich Christian ständig.

    Wenn seine tief in seinem Wesen verankerte Sehnsucht nach Dauer überwertig wird, entstehen in Christian zwanghafte Züge und er kann dann nicht loslassen. Er möchte dann am liebsten, alles was konservativ und unverändert ist bei sich behalten. Christian lebt wie in einem Museum und das Sicherungsbedürfnis wird sein zentrales Anliegen. Damit wird er seinen Horizont für immer mehr einengen.

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