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    MEIN KRANKENPFLEGER HAT MIR MEIN GESICHT GERAUBT. Teil 14

    Schließlich wurde mir klar, dass ich in die Klinik nicht mehr gehen wollte. Es war sehr dumm von mir, ich weiß. Ich hätte mir an diesem Tag mein Blut reinigen können und mich so schön wieder fühlen können wie die Menschen, die sich Gesichtsmasken leisten, Nerzmäntel und die teuersten Porzellansammlungen.

    Ich verschwendete meine Gesundheit und alles an einem Tag. Christian Matschke hörte auf, mich zu grüßen. Christian Matschke stand neben mir im Flur und hat gepfiffen. Meine Ehre wurde so verletzt, dass ich abends, als ich nach Hause kam, nur noch Wodka trank und fast jeden Tag eine Packung Zigaretten geraucht habe. Ehre verletzen bedeutet geboren werden und sterben und wissen, dass man mit einem Menschen für immer zerstritten ist, gedemütigt, respektlos behandelt wird und von seinem Gesicht beraubt wird.

    Mein Krankenpfleger hat mir mein Gesicht geraubt und damit hat er meine Ehre verletzt.

    Ich weinte, bis ich schlafen ging und meine Träume waren überfüllt nur noch von Toten und am Tage war ich müde und teilnahmslos und die Blutdrucktabletten, die ich nahm, zeigten mir keine Erfolge, mich aufzumuntern.

    Ganz allein wurde ich gelassen von Christian Matschke und von der Leitung der Klinik und ganz allein fühlte ich mich mit meiner Angst, dass ich nach der Dunkelheit und Stille der Nacht, nie mehr hellwach werde. Manchmal schlief ich ein und dann träumte ich wieder und erwachte weinend und als ich in die Klinik ging, wusste ich, dass ich wieder unter in einen jener dramatischen Träume eintauche.

    Alles war aber eine tragische Realität. Mit meinem Krankenpfleger, Christian, habe ich noch im Flur geredet, bevor ich nach Hause ging oder eigentlich hatten wir einen Streit schon wieder und ich kam Christian durch meine Redensart zu nah. Es waren gerade keine spröde Zärtlichkeiten weil ich ein Patient bin und er mein Pfleger. Aber mein Krankenpfleger bildete sich das ein.

    „Warum kommen Sie mir so nah? Können Sie den Abstand von fünfzig Zentimetern nicht halten?“

    Mein Krankenpfleger, Christian Matschke hat irgendwo den Ausdruck „Zurückbleiben bitte“ gelernt. Sicherlich nicht an den U-Bahn Stationen, denn Christian Matschke fährt nur ein Auto. Aber in den Büchern stand immer wieder geschrieben, dass die intime Distanz-Zone des Menschen zwischen null und etwa fünfzig Zentimetern liegt. Sollte ein Mensch dort eindringen, müsste er sehr geliebt werden und wenn nicht, so empfand es gerade mein Pfleger – fühlt sich alles wie eine unangenehme körperliche Nähe an.

    „Warum kommen Sie mir so nah?“ Wenn mein Krankenpfleger es sagt, empfinde ich diese Ablehnung wie eine große Anmaßung. Es waren wieder Stunden, in denen ich unfähig war, ganz gewöhnlich zu denken und vor allem, mit großer Klarheit zu denken.

    Diese Klinik ist die letzte Station meines Lebens. An dieser Krankheit werde ich sterben. Jedes Mal wenn ich dort liege, taucht vor meinen Augen ein kaltes Licht auf und diese fünf Stunden, drei Mal in der Woche erscheinen mir wie ein ganzer Tag voll unheimlicher Ungeduld. Und wenn mein Krankenpfleger mich so ärmlich behandelt, sollte ich mich doch irgendwo beklagen und ich möchte nicht, dass man meinen Krankenpfleger verurteilt, denn es ist viel besser wenn man von diesem Menschen einfach wegdenkt. Nur ich bin dazu nicht fähig. Christian Matschke verletzt meine Ehre und immer wieder fängt er an, seine Spiele mit mir weiter zu führen. Weil ich krank bin, sind diese Spiele fast immer für mich übel ausgegangen. Aber nur weil ich so krank bin und ich kann mich in der Klinik ungünstig wehren.

    Aber es ist noch alles nicht zu Ende gespielt und ich möchte so gern nur noch eine Sache erleben. Ich will nicht mehr ein aufmerksamer und bezauberter Zuschauer mit einem Spazierstock sein, dafür hat mein Leben nicht gereicht. Weil es alles noch nicht zu Ende gespielt ist, möge bitte den Keim des Misslingens in sich tragen.

    Die Ärztin, die mich täglich besuchte, rief mich nach einigen Stunden an und bat mich, zurück in die Klinik zu kommen, denn sie wusste, dass dieser Zustand nicht lange bei mir anhalten wird. Sie wird schon die Christina, meine Stationsschwester, um eine Begrüßung an mich von Christian, meinem Krankenpfleger bitten. Mag sein, mein Krankenpfleger wird mich wieder begrüßen und mir meine Musik einrichten. Es wird trotzdem keine Gespräche zwischen uns geben und wenn Christian in meinem Zimmer ist, wird es nichts geben, was mich geistig beschäftigen könnte.

    Jetzt bin ich unsterblich krank und vielleicht diese Krankheit wird mich dazu bringen, für die schönen Augenblicke ohne Erinnerungen noch einmal in den großen Glanz des Lebens zu sehen. Es fällt mir jedoch schwer, mich in Gedanken zurückzufinden, denn immer wieder wenn mein Krankenpfleger in meinem Zimmer steht, erscheint er mir unwirklich, nicht authentisch und fern.

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