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    EIN HALBGOTT IN WEIß. Teil 13

    Das Gespräch mit der Sekretärin von Doktor Schanz war sehr enttäuschend, denn ich hatte gehofft, den Oberarzt an diesem Tag zu sehen.

    Ich stand aus dem Bett auf und sah es am Zucken meiner Katze eine große Unruhe. An diesem Tag, nach dem Anruf von der Sekretärin, bin ich nach oben gegangen, in die zweite Etage meiner Wohnung und dann fing ich an zu bügeln. Ich muss immer bügeln wenn mich etwas eine große Anstrengung kostet. Ich bügle alle meine Hemden und ihre Kragen, ohne auf die Gegenstände in dem Zimmer zu achten und dann gebe ich mich frohen Gedanken hin, obwohl die Trauer über Christians Verhalten mich fast zu Boden drückt. Alle meine Kragen sind steif. Meine Sorgen, Narben, Wunden und Verletzungen bügle ich in meine Kragen hinein.

    Heute weiß ich genau, dass ich noch sehr viele Kragen zu bügeln habe. An diesem Morgen konnte ich aber nicht ruhig weiter bügeln und dort vor dem Bügelbrett stehen und nachdenken.

    Immer wieder fühlte ich mich dazu getrieben, selber etwas gegen diesem Anruf und Ablehnung zu unternehmen. Ich konnte nicht anders, irgendetwas zwang mich dazu. In diesem Moment dachte ich, der Oberarzt war nicht nur ein Arzt, aber weil er nicht bereit war mit mir zu reden, was ich in jeder Hinsicht menschlich ungenügend fand, kam mir plötzlich der Gedanke, der Oberarzt war in seinem früheren Leben ein Papst. Ein Papst und der Chef und gleichzeitig das Staatsoberhaupt des Vatikans. Man konnte ihn nur aus dem Fernsehen sehen und nur an Ostern und Weihnachten, denn an diesen Tagen feierte er seine großen Messen. Er war umgeben von Bibliotheken, Palästen, Gärten, Museen und goldenen Kapellen und damit er verreisen kann, gab es dort auch einen Hubschrauber-Landeplatz.

    Oder er war ein Prinz und wurde gleich nach der Geburt von Ammen, Kindermädchen und Erzieherinnen ernährt, gepflegt und erzogen. Sicherlich ging er später in die Schule und studierte an der Universität und von einem Professor, vor zwanzig Jahren, übernahm er seine Arztattitüden. An diesem Tag war ich als Patient nicht der König, der Oberarzt war ein Halbgott in Weiß und kein Dienstleister mehr. Früher, als er gelegentlich zur Visite in mein Zimmer kam, drückte er mir seine Hand zur Begrüßung, hielt aber einen Kugelschreiber eingeklemmt in seinen drei Fingern.

    Endlich riss ich mich los von dem friedlichen Nachdenken und rief die Sekretärin des Oberarztes noch mal an. „Die Lösung gefällt mir nicht. Ich muss den Arzt sprechen, sonst gehe ich nicht mehr zur Dialyse und dann werde ich überhaupt nicht mehr am Leben bleiben“.

    Die Sekretärin schien nicht bereit zu sein, mir einen Termin beim Oberarzt zu geben und leider habe ich, obgleich ich alles irgendwo notiere, vergessen, was sie sagte. Es tut auch nichts zur Sache, denn ich sollte doch gegen zwölf Uhr, dreißig Minuten vor der Dialyse zum Oberarzt kommen. Ich hatte ja keine Wahl und erzählte dem Arzt von Christians unterlassener Hilfeleistung und von meinen langen Wartezeiten, bis die Schwester Yasemin zu mir kommen konnte. Christian Matschke, mein Krankenpfleger, hat sich geweigert, mir als Patient zu helfen und ab sechzehn Uhr arbeiten hier auf der Etage nur Christian und Yasemin.

    Ich danke dem Oberarzt so sehr für das Gespräch und ich erinnere mich nicht, jemals in meinem Leben, ein Gespräch von größerer Bedeutung geführt zu haben.

    „Christian war hier bei uns und erzählte, er fühlt sich belästigt wenn Sie ihm irgendwelche Fragen stellen. Also ich bitte Sie, ab heute stellen Sie ihm keine Fragen. Wir sind hier eine Dialysestation. Manchmal klappt es mit den Gesprächen zwischen den Patienten und Pflegepersonal aber wenn es nicht geht, so wie zwischen Ihnen und Christian, dann soll man es lassen. Wir sind eine Dialysepraxis und wir müssen sehen, dass die Leistung in diese Richtung vollständig bleibt“.

    Der Oberarzt war nicht krankhaft um meine Gesundheit besorgt, was ich nicht verstehen konnte, denn mein Blutdruck und ich als Patient und die Einstellung, der Patient ist der König, müsste ihm im Grunde ganz gleichgültig gewesen sein.

    „Ab heute wird der Christian zu Ihnen ins Zimmer kommen müssen. Schließlich ist er mein Angestellter, aber ich bitte Sie, reden Sie mit ihm nicht und vor allem keine Fragen! Er soll Ihnen Fenster aufmachen, Kaffee bringen und Ihre Musik bereitstellen, aber an den Nadeln soll er nichts machen“.

    Eigentlich hatte ich ja alle Ursache, zufrieden zu sein, dennoch erinnere ich mich sehr ungern an das Gespräch mit Doktor Schanz. Es dauerte Tage, bis ich mich endlich wieder aufraffen konnte und wieder zu leben anfing.

    „Aber warum soll er ausgerechnet mich nicht abhängen? Ich möchte nicht zu lange warten, bis Yasemin für mich Zeit hat oder mich fragt, ob ich die Dialyse kürzen will!“

    „Es bleibt so, denn ich muss Ihnen sagen, Christian fühlt sich unwohl in Ihrer Gesellschaft“.

    Ich weiß aber nicht einmal, ob das Verhalten von dem Oberarzt normal ist. Vielleicht wäre die einzig normale Reaktion auf alles, was geschehen ist, der Wahnsinn.

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