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    MENSCHEN, DIE IN DER PFLEGE NICHT ARBEITEN DÜRFEN. Teil 10

    Ich lebe immer noch gern, obwohl eines Tages, werde ich genug gelebt haben und glücklich sein, dass diese ganze Qual endlich zu Ende geht.

    Mein Leben ist nicht in Sicherheit und ich pendle zwischen dem Krankenhaus, Apotheke und meinem Wohnsitz. Trotzdem lebe ich ungern planlos in den Tag hinein.

    Meine Therapeutin will mit mir über meinen Tod nicht sprechen und versucht mir die schönen Seiten meines Lebens vor Augen zu führen und unterbricht mich, wenn ich ihr erzähle, wie ich mir meinen Tod vorstelle.

    „Ich bin gespannt, was Sie und Ihre Seelenklempnerin so alles über mich erzählen“ – sagte Christian eines Tages zu mir und als ich nach Hause kam, schaute ich im Internet nach dem Wort „Seelenklempnerin“.

    Ich habe verstanden was er damit meinte, aber damals kannte ich das Wort noch nicht.

    „Mit Christians Ablehnung müssen Sie leben. Diesen Mann werden Sie nie ändern und er wird Ihnen nie seine Nähe zeigen. Egal wie krank Sie sind. Er ist so. Er verfügt über eine mangelhafte Impulskontrolle. Er wird immer alles leugnen und das ist sein zentraler Abwehrmechanismus. Er ist eine ambivalente Person und er wird Sie als Mensch, als Patient und als Persönlichkeit immer ablehnen. Sie wollen es nicht hören, ich weiß, und ich weiß, dass solche Menschen in der Pflege nicht arbeiten dürfen. Er wird Sie nie umarmen. Diese eine Umarmung wollen Sie immer. Sie erzählen mir jedes Mal, wenn er Ihnen seine Nähe durch die ersehnte Umarmung schenkt, wird Ihre Hoffnung an die Menschen nicht absterben“ erzählte mir meine Therapeutin.

    In der Klinik gibt es eine Ärztin, die für meine Etage zuständig ist und ich habe sie monatelang gebeten, wie ein Kind, das ganze Spiel zwischen meinem Pfleger und mir, einfach zurückzuspulen.

    „Bitte reden Sie mit Christian und mit mir hier im Zimmer und schlichten es den Krieg zwischen uns. Sie können mir nicht fünf Blutdruckmittel verschreiben! Solange Christian nicht in mein Zimmer kommen darf und ich immer auf etwas warten muss, weil Yasemin nicht genug Zeit für mich hat, wird mein Blutdruck nie besser. Und von Ihren Tabletten werde ich nur impotent! Bitte, machen Sie es für mich!“

    „Einmal mache ich es für Sie, aber nur deswegen weil ich Sie mag. Nur zehn Minuten werde ich für Euch haben und nicht mehr! Erstmal werde ich Christian fragen, ob er es überhaupt will“.

    Und dann, an diesem Tag passierte das Schlimmste für mich. Die letzten bitteren Tropfen, die ich je in meinem Leben von einem Menschen, meinem Pfleger, zwischen die Zähne eingeführt bekommen habe.

    Die Ärztin sprach mit Christian Matschke am Freitag und erst am Montag kam sie zur Visite zu mir.

    „Herr Wolkanowski, ich habe mit Christian gesprochen. Er sagte, er will nie mehr zu Ihnen, in das Zimmer kommen. Er hat Angst vor Ihnen. Er will es nicht und ich kann ihn nicht zwingen. Gehen Sie bitte in die erste Etage, legen Sie sich mit anderen Patienten im Saal hin und dann haben Sie Ihre Ruhe. Ich habe es versucht und ich kann für Sie nichts mehr tun“.

    An diesem Tag bin ich gestorben. Es war wie in einem Sterbelager für mich und ich hörte keine Menschenstimmen mehr und nur noch die Tiergeheule. Alles hat sich an diesem Tag für mich gewandelt.

    Meine Mutter hat mich damals aus der Wohnung rausgeschmissen. Sie war eifersüchtig, weil ich noch als Student, mit einer älteren Frau geschlafen habe. Meine Fahrprüfung habe ich zweimal nicht bestanden und ich kann das Auto nicht mal heute richtig fahren.

    Ein Mann auf einer Party stand neben mir. Er hielt eine Flasche Bier in der Hand und gestikulierte ganz vehement mit seinen Händen. Plötzlich stieß er den Porzellangriff von meinem Spazierstock mit der Bierflasche. Diesen Spazierstock kaufte ich mir in Paris für dreitausend Euro. Den Meißner Porzellanstock kann mir heute kein Mensch mehr reparieren. Im letzten Jahr habe ich hundertfünfzigtausend Euro durch eine Fehlinvestition verloren.

    Alle diese Schäden verlieren heute an Bedeutung in meinem Leben.

    Heute empfinde ich nur Schmerz und Trauer. Mein Krankenpfleger, Christian Matschke hat mich mit seinen Äußerungen als kranker Schwuler diskriminiert und geächtet.

    Immer wieder hat er mich durch seine ablehnende Haltung als Mensch und als Patient zurückgewiesen. Christian, Deine Ablehnung, den Ekel und die Angst vor meiner Nähe empfinde ich bis heute nicht als eine Totenklage, die Du für mich halten würdest. Seit dieser Ablehnung wage ich mich nicht mehr mein Leben allzu weit vorauszuplanen.

    Christian Matschke, Du brauchst keine Angst zu haben. Kein Mensch wird bei mir sein, wenn ich sterbe.

    Niemand, auch Du nicht, Christian, wird mich betasten, ansehen und seine warmen Finger auf meine erkaltenden Arme pressen. Arme, die mit Beulen versehen sind. Arme, vor den Du Dich auch so ekelst.

    Erst dann, werden wir einander nichts mehr zu sagen haben.


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